Hoffnung auf ein Morgen

Gene Roddenberry, Schöpfer von Star Trek, wurde oft gefragt, warum seine Erzählung über Jahrzehnte hinweg eine solche Kraft entfaltet. Seine Antwort:

„Star Trek spricht ein grundlegendes menschliches Bedürfnis an: dass es ein Morgen gibt. Dass nicht alles mit einem großen Knall und einer Bombe zu Ende geht; dass sich die Menschheit verbessert; dass wir Dinge haben, auf die wir als Menschen stolz sein können.“

Auch wenn einzelne Folgen der unterschiedlichen Star-Trek-Serien nicht immer unproblematisch waren, hat Roddenberry eine echte Zukunftsvision geprägt. Star Trek ist das Porträt einer Menschheit, die zu Gerechtigkeit und Vernunft gefunden hat.

Aus der Kindheit herausgewachsen

Der Erzählung von Star Trek folgend wurde nach einem verheerenden Atomkrieg auf der Erde bereits im 22. Jahrhundert eine „Neue Weltwirtschaft“ gegründet – „Geld verschwand wie die Dinosaurier.“ (VOY, 5×15). Nicht mehr materielle Bedürfnisse und der Erwerb von Reichtum treiben die Menschen jetzt an, sondern das Streben nach Selbstverwirklichung und der Verbesserung der Menschheit. (TNG 1×26) Soziale Probleme wie Hunger und Armut wurden beseitigt; die Menschen beschreiben sich als „aus der Kindheit herausgewachsen“. (TNG, 1×26) In der aktuellen Serie „Strange new Worlds“ wird die „Neue Weltwirtschaft“ sogar als „geldlose, sozialistische Utopie“ bezeichnet. (SNW, 2×03)

Es ist eine Welt, in der jede:r nach den eigenen Bedürfnissen leben und nach ihre:seinen Fähigkeiten wirken kann. Arbeit ist kein Zwang zum Überleben mehr, sondern die Freiheit, sich zu entfalten und einen Beitrag zum Ganzen zu leisten.

ESA-NASA, CC BY-SA 3.0 IGO

Die Lektion der Mintakaner

Wie tief dieser Humanismus verwurzelt ist, zeigt die Episode „Der Gott der Mintakaner“ (TNG, 3×04). Die Enterprise trifft auf die Mintakaner, einer bronzezeitähnlichen Kultur, die sich dennoch rational von „Göttern“ gelöst hat. Durch einen Unfall halten sie die Technologie der Enterprise und damit Captain Picard für einen Gott.

Picard wird vorgeschlagen als „guter“ Gott aufzutreten, um den Mintakanern den „richtigen“ Weg weisen zu können. Er antwortet:

„Die Mintakaner gaben bereits vor Jahrtausenden ihren Glauben an das Übernatürliche auf. Und jetzt aber erwarten Sie, dass ich diese Errungenschaft plötzlich sabotiere? Ich würde die Mintakaner in das dunkle Zeitalter der Furcht und des Aberglaubens zurückschicken. NEIN.“

Star Trek behandelt „Götter“ typischerweise als Fehlinterpretation von Macht. Nach Roddenberry braucht eine freie und gerechte Gesellschaft mündige Bürger:innen, keine Untertanen – und das auch gegenüber metaphysischen Wesen.

… und sie ist keine Magd!

Roddenberrys fortschrittliche Ideen waren in den 1960er Jahren in den USA eine Provokation. Er zeigte eine Welt, in der Hautfarbe oder Herkunft keine Barrieren mehr darstellen. Die Kraft der Sichtbarkeit beschreibt Whoopi Goldberg, als sie zum ersten Mal Uhura auf dem Bildschirm sah, schrie sie: „Mama, komm schnell! Da ist eine schwarze Frau im Fernsehen, und sie ist keine Magd!“

Nichelle Nichols als Uhura war eine hochqualifizierte Offizierin der Sternenflotte. Diese Darstellung veränderte das Selbstbild ganzer Generationen. Martin Luther King Jr. überredete Nichols, die Rolle nicht aufzugeben, weil sie die einzige Person im Fernsehen sei, die zeige, wie eine Welt ohne Rassismus tatsächlich aussehen kann.

Die 1960er gegen die Zukunft

Roddenberry wollte zeigen, dass Geschlecht in der Zukunft keine Rolle mehr spielt. Im ersten Pilotfilm besetzte er die Rolle des Ersten Offiziers mit einer Frau: Majel Barrett als „Nummer Eins“. Die Senderchefs lehnten diese Rolle – noch dazu mit als „männlich“ gelesenen Attributen wie Rationalität, Logik und kühler Effizienz – strikt ab und stellten die Ausstrahlung der Serie in Frage. Diese Attribute wurden anschließend auf Spock übertragen.

Viele Folgen der Originalserie (aber auch späterer Serien) wirken heute bestenfalls fragwürdig. Das lag einerseits an der Zeit und dass der Sender immer öfters in Streit mit Roddenberry geriet und versuchte ihm bei Folgen zu umgehen. In der deutschen Übersetzung wurden sogar Off-Stimmen hinzugefügt, die Szenen noch sexistischer erscheinen ließen.

Revolutionär waren Roddenberrys Ideen, weil er versuchte, Geschlecht von der Fähigkeit zur Rationalität zu entkoppeln – lange bevor weibliche Führungskräfte in der Realität oder in späteren (auch Star Trek) Serien zur Norm wurden.

Unendliche Vielfalt

Das Herzstück der Föderation ist das vulkanische Prinzip IDIC – Infinite Diversity in Infinite Combinations (Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen). Für Roddenberry war Vielfalt Voraussetzung für Fortschritt. Als Drehbuch-Autor lässt er in „The Savage Curtain“ (TOS, 3×22) den vulkanischen Logiker Surak sagen:

„Ich freue mich, dass wir verschieden sind. Mögen wir gemeinsam mehr werden als die Summe von uns beiden.“

In Roddenberrys Welt ist Diskriminierung nicht nur moralisch falsch, sondern logisch absurd, weil sie die Entwicklung aller behindert.

Inspiration für Generationen

Unzählige Physiker:innen, Astronom:innen und Ingenieur:innen nennen die Serie als Auslöser für ihre Laufbahn. Mae Jemison, die erste schwarze Frau im Weltraum, nannte Star Trek als ihren Hauptmotivator. Martin Cooper, der Erfinder des Mobiltelefons, bezeichnete den Kommunikator von Captain Kirk als Vorlage. Miguel Alcubierre erforschte durch Star Trek die mathematischen Grundlagen für einen realen (wenn auch unrealistischen) Warp-Antrieb. Stephen Hawking sah die Serie als Symbol menschlichen Fortschritts. Samantha Cristoforetti nahm für ihren Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation zwei Star-Trek-Uniformen mit – bei einem Limit von 1,5 kg persönlichem Gepäck.

NASA, gemeinfrei

Eine Community, die die Vision lebt

Das Star-Trek-Fandom ist ein globales Netzwerk für soziales Engagement. Die Roddenberry Foundation unterstützt jährlich mit Millionenbeträgen Projekte gegen globale Krisen. STARFLEET International finanziert Stipendien für Studierende in Naturwissenschaften, Medizin und Ingenieurwesen. Deren Ortsgruppen nutzen die fiktive Organisationsstruktur der Sternenflotte als Framework für konkrete Hilfe in ihren Gemeinden. Trektivism ist eine von Fans getragene Plattform, die sich für Gleichberechtigung, Inklusion, Menschenrechte einsetzt. Trek for Equality und Star Trek Stands Against Hate stetzen sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus ein und für LGBTQ+-Rechte. Women Make Trek zeigt das Wirken von Frauen in Star Trek, in der Fangemeinschaft auf und unterstützt Frauen.

Das Ende ist noch nicht geschrieben

Star Trek erinnert uns daran, dass wir nicht Gefangene unserer Geschichte sind. Roddenberrys Zukunftsvision lautet: Technologischer Fortschritt ist wertlos, wenn er nicht von sozialem Fortschritt begleitet wird. Die Föderation ist das Bild einer Welt, in der wir die Macht haben, Gesellschaft so zu gestalten, dass sie dem Leben dient – nicht dem Profit oder der Zerstörung.

Seine Vision ist ein Versprechen an uns alle: Es wird ein Morgen geben, auf das wir als Menschen stolz sein können.

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Stefan Steindl

Stefan ist politischer Sekretär der AUGE Wien und engagiert sich für eine linke, unabhängige und vielfältige Gewerkschaftsarbeit. Er setzt sich für Demokratie im Betrieb, Gleichberechtigung und eine gerechte, ökologische Zukunft ein – in Wien und darüber hinaus.

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