„Nie wieder!“ gehört zu den meistbeschworenen und zugleich bequemsten Formeln politischer Erinnerung. Bequem wird sie dort, wo niemand mehr fragt, was daraus folgt. Wenn aus der Verpflichtung, eine Wiederholung der nationalsozialistischen Vernichtung zu verhindern, ein generelles und bedingungsloses Verbot bewaffneter Gegenwehr wird, verkehrt sich ihr Sinn: Dann richtet sich die Forderung nach Gewaltverzicht auch gegen alle, deren Leben und Freiheit von Gewalt bedroht sind.
… daß Auschwitz sich nicht wiederhole
„Nie wieder!“ bedeutet zuerst einmal in seiner ursprünglichsten Formulierung: Niemals wieder darf die Vernichtung der Jüdinnen und Juden zugelassen werden. Die erste Verwendung von „Niemals wieder“ ist unklar, stammt aber höchstwahrscheinlich aus Israel. Die Redewendung wurde dort Ende der 1940er-Jahre in Kibbuzim verwendet. Der jüdische Partisan und Kibbuznik Abba Kovner und andere Shoa-Überlebende verbanden damit den Anspruch, dass Jüdinnen und Juden niemals wieder einem solchen Verbrechen ausgeliefert sein dürfen. Später entwickelte sich daraus die Frage: Ist sie als partikularistische Verpflichtung zu verstehen, eine zweite Schoa an Jüdinnen und Juden zu verhindern, oder als universalistischer Auftrag, jeden Völkermord zu verhindern?
„Nie wieder!“ lässt sich deshalb nicht auf „Nie wieder Krieg!“ reduzieren. Frieden ist das Ziel. Aber die Abwesenheit militärischer Gegenwehr garantiert weder Frieden noch Sicherheit. So heißt es im berühmten Schwur von Buchenwald:
„Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“
Die Verpflichtung, Vernichtung zu verhindern, verlangt die Bereitschaft, alle dafür notwendigen und vertretbaren Mittel einzusetzen – erforderlichenfalls auch bewaffnete Gewalt. Tatsache ist: Nazideutschland konnte nur militärisch besiegt werden. Daraus folgt keine Rechtfertigung beliebiger Kriegführung. Es folgt aber ebenso wenig die Pflicht der Angegriffenen, sich widerstandslos zu ergeben.
Das Zentrum für Politische Schönheit hat den politischen Anspruch des Erinnerns so formuliert:
„Seht die Bedrohung. Seht die Ermordeten. Seht die Menschen. »Nie wieder« ist die Grundlage allen politischen Handelns. Der wahre Grund des Grundgesetzes.“
Entscheidend ist dabei der erste Satz: Seht die Bedrohung. Wer nur rückblickend die Ermordeten beklagt, sich aber gegenüber der gegenwärtigen Bedrohung der Lebenden für unzuständig erklärt, macht Erinnerung folgenlos.
Theodor W. Adorno formulierte diese Verpflichtung 1966 in seiner „Negativen Dialektik“ als neuen kategorischen Imperativ: Die Menschen hätten „ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“. Erinnerung wird damit zum Maßstab praktischen Handelns: Entscheidend ist, ob es dazu beiträgt, eine erneute Shoah zu verhindern. Wer Adornos Forderung ernst nimmt, muss die eingesetzten Mittel daran messen, ob sie Menschen wirksam vor Verfolgung und Vernichtung schützen – und darf die eigene moralische Unbeflecktheit nicht über das Leben der anderen stellen.
Bewaffneter Widerstand
Im Warschauer Ghetto, in anderen Ghettos und in Partisan:innengruppen griffen Jüdinnen und Juden zu Waffen, um ihren Mördern entgegenzutreten. Kovner selbst gehörte zu den Organisatoren des Widerstands in Wilna und führte später eine jüdische Partisan:inneneinheit. Ihre Gegenwehr war angesichts der deutschen Übermacht häufig verzweifelt. Sie war dennoch eine selbstbestimmte Handlung gegen die ihnen zugedachte Vernichtung.
Diese Einsicht gehört auch zur Geschichte der Arbeiter:innenbewegung. Im Februar 1934 leisteten Angehörige des Republikanischen Schutzbundes bewaffneten Widerstand gegen den sich durchsetzenden Austrofaschismus. Sie kämpften gegen die Zerschlagung ihrer Organisationen und der demokratischen Republik. Die Alternative war die Unterwerfung unter jene, die die politische und gewerkschaftliche Selbstorganisation der Arbeiter:innen beseitigten.
Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften Anarchosyndikalist:innen mit der Waffe gegen den Militärputsch und Francos Truppen. In Barcelona waren Mitglieder der CNT entscheidend an der Niederschlagung des Aufstands beteiligt, anarchistische Milizen zogen anschließend an die Front. Ihr Ziel reichte weit über die Verteidigung der bestehenden Republik hinaus. Sie wollten eine soziale Revolution, Selbstverwaltung und die Überwindung kapitalistischer Herrschaft. Gerade deshalb konnten sie dem Sieg der faschistischen und reaktionären Kräfte nicht gleichgültig gegenüberstehen. Nachdem die spanische Revolution von Faschisten wie Bolschewiki zerschlagen wurde, wurden viele Anarchosyndikalist:innen Teil der alliierten Streitkräfte gegen den Nationalsozialismus und waren die ersten, die Paris befreiten.
In Rojava verteidigten kurdische und verbündete Kräfte, darunter die Frauenverteidigungseinheiten YPJ, Menschen und gesellschaftliche Selbstverwaltungsstrukturen gegen den „Islamischen Staat“. Der Widerstand von Kobanê wurde zum weithin sichtbaren Beispiel dafür, dass Frauenbefreiung und Selbstbestimmung eine bewaffnete Verteidigung benötigen können.
In Chiapas erhob sich die EZLN 1994 bewaffnet gegen Entrechtung, Ausbeutung und die politische Ausschließung indigener Gemeinschaften. Nach den ersten Kriegstagen rückten Verhandlungen, zivile Mobilisierung und der Aufbau autonomer Strukturen in den Vordergrund. Das zeigt: Bewaffneter Widerstand ist kein Selbstzweck sein. Er kann mit einer politischen Perspektive verbunden sein, die auf ein selbstbestimmtes gesellschaftliches Leben zielt.
Diese Kämpfe sind weder untereinander noch mit dem Widerstand gegen die Shoah gleichzusetzen. Ihre Ziele, Gegner und Bedingungen unterscheiden sich erheblich. Gemeinsam ist ihnen jedoch eine Frage, der eine emanzipatorische Linke nicht ausweichen kann: Was geschieht mit den bedrohten Menschen und ihren Möglichkeiten zur Selbstbestimmung, wenn die bewaffnete Gegenwehr endet?
In den Krieg für einen Staat?
Aber warum sollten Linke einen Nationalstaat und dessen (auferzwungen) Kriege verteidigen? Warum sollten zum Beispiel Linke oder gar den Staat ablehnende Anarchist:innen für eine staatliche Armee kämpfen oder Waffenlieferungen unterstützen? Widerspricht das nicht ihrer Kritik an Staat, Nation und Militarismus?
Rudolf Rocker liefert einen ersten Ansatzpunkt für die Antwort. Der anarchosyndikalistische Theoretiker, der sich in jungen Jahren unter Einfluss Michail Bakunins und Johann Mosts radikalisierte, hielt an der Überwindung staatlicher Herrschaft fest. Er bestand aber zugleich darauf, die tatsächlichen Unterschiede zwischen politischen Ordnungen ernst zu nehmen. Bereits 1928 schrieb er, es mache auch für Anarchist:innen einen Unterschied, ob sie unter einer faschistischen oder bolschewistischen Diktatur lebten – oder eine gewisse Geistes- und Bewegungsfreiheit besäßen, die öffentliche Tätigkeit und die Verbreitung ihrer Ideen ermögliche.
Bürgerliche Freiheiten waren für Rocker deshalb keine belanglosen Zugeständnisse. Sie waren Ergebnisse vergangener Kämpfe. Sie preiszugeben, weil sie noch keine vollständige Freiheit verwirklichten, hieße, bereits gewonnene Handlungsmöglichkeiten zu zerstören. Nach 1945, angesichts der zerschlagenen und geschwächten anarchistischen Bewegung, suchte er nach Wegen, anarchistische Ideen wieder gesellschaftlich wirksam zu machen: durch Zusammenschluss, öffentliche Auseinandersetzung und praktische Mitarbeit in Gemeinden, Gewerkschaften und Genossenschaften – wobei Anarchist:innen auch bürgerlichen Freiheiten verteidigen müssen.
Anarchist:innen in der Ukraine
Daran lässt sich die Haltung jener ukrainischen Anarchist:innen anschließen, die gegen die russische Invasion kämpfen. Ihre Beteiligung an der militärischen Verteidigung bedeutet keine vorbehaltlose Zustimmung zur ukrainischen Regierung oder zum Nationalstaat. Sie verteidigen die Menschen, mit denen sie leben, und die Möglichkeit, sich überhaupt noch unabhängig zu organisieren. Das anarchistische und antiautoritäre Netzwerk Solidarity Collectives unterstützt seit 2022 Genoss:innen an der Front sowie vom Krieg betroffene Zivilist:innen.
Die Ukraine muss dafür weder als herrschaftsfreie Gesellschaft noch als makellose Demokratie ausgegeben werden. Verteidigt werden auch begrenzte bürgerliche Freiheiten und gesellschaftliche Handlungsspielräume gegen ein autoritäres, imperialistisches und in seiner Repression und Mobilisierung faschistoides russisches Herrschaftsprojekt. Solidarity Collectives formulierte im Juli 2026 den Einsatz seiner kämpfenden Genoss:innen entsprechend als Verteidigung ihres Rechts, zu existieren, sich zu organisieren und linke sowie antiautoritäre Positionen zu vertreten.
Anarchist:innen aus verschiedenen Teilen der Welt unterstützen diesen Widerstand. Solidarity Collectives nennt Verbindungen zu Gruppen unter anderem in Deutschland, Polen, Frankreich, den USA, den Niederlanden und Kanada. Die Hilfe umfasst Ausrüstung für Kämpfende ebenso wie humanitäre Unterstützung. Aber ebenso kämpfen Anarchist:innen aus der ganzen Welt gegen die russische Invasion an der Front.
Den Vorwurf, damit „für den Krieg“ zu sein, weist olidarity Collectives zurück. Seine Mitglieder wollen einen dauerhaften und gerechten Frieden. Sie bestehen jedoch darauf, dass für die Zivilbevölkerung die Gewalt nicht einfach endet, sobald die Besatzung beginnt. Wer nur die Waffen der Verteidiger:innen problematisiert, verliert den Angreifer und die Folgen seines Sieges aus dem Blick.
Für die Freiheit und Gerechtigkeit!
Es ist nicht egal, ob Menschen in einer Gesellschaft leben, die – wenn auch begrenzte, ungleich verteilte und umkämpfte bürgerliche – Freiheiten kennt, oder unter einer Diktatur. Wer Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Recht, Vereine und Parteien zu gründen, besitzt, verfügt über Möglichkeiten, die bestehenden Verhältnisse zu verändern. Für Gewerkschaften ist dieser Unterschied existenziell. Eine diktatorische Ordnung, die unabhängige gesellschaftliche Gegenmacht zerschlägt, lässt auch keine freien Gewerkschaften als wirksame Interessenvertretungen bestehen.
Wer diese Freiheiten verliert, verliert die Voraussetzungen, diese Freiheitsrechte auszubauen. Wer nicht mehr frei ist, ist Sklave und wer sich dann dagegen wehrt, endet in einem Lager oder erschossen im Straßengraben. Sich dem rechtzeitig entgegenzustellen und nötigenfalls auch die eigene Haltung zu überdenken, ist keine Schwäche, kein Verrat, sondern notwendig, wenn wir Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung nicht tatenlos zusehen wollen – denn genau das bedeutet „Nie wieder“.
Spenden für anarchistische und antiautoritäre Aktivist:innen in der Ukraine:
