„They shall not pass“: Die 43 Group

Sie kämpften in Europa und Afrika gegen die Nazis und kaum waren sie aus dem Krieg zurück, marschierten wieder Faschisten durch Londons Straßen, riefen „Sieg Heil“ und griffen jüdische Vierteln an. Antisemitische Hetze, Angriffe auf jüdische Menschen und Aufmärsche wurden von der Polizei geschützt. 1946 beschlossen jüdische Kriegsveteran:innen und Antifaschist:innen nicht länger zuzusehen. Sie gründeten die 43 Group.

Battle of Cable Street

1932 gründete Oswald Mosley die British Union of Fascists und orientierte sich offen am italienischen Faschismus. Seine Anhänger:innen trugen schwarze Hemden („Blackshirts“), marschierten militärisch auf und verbanden autoritären Nationalismus mit offenem Antisemitismus. Besonders im Londoner East End, wo viele jüdische Arbeiter:innen und Einwanderer:innen lebten, suchten die Blackshirts die Provokation.

Der antifaschistische Widerstand vereinte Sozialist:innen, Kommunist:innen, Gewerkschafter:innen, Anarchist:innen, jüdische Organisationen, irische Arbeiter:innen und zahlreiche Anwohner:innen des Viertels. Sein berühmtester Moment war die „Battle of Cable Street“ am 4. Oktober 1936.

Image credit: libcom.org

Am 4. Oktober 1936 wollte Mosley mehrere Tausend uniformierte Faschisten durch das überwiegend jüdische East End führen. Eine Petition mit fast 100.000 Unterschriften hatte ein Verbot gefordert, doch die Regierung ließ den Marsch zu und setzte Tausende Polizist:innen ein, um die Blackshirts zu schützen. Zehntausende Bewohner:innen und Antifaschist:innen errichteten Barrikaden und blockierten die Straßen. Die Polizei konnte die Faschisten nicht schützen und Mosley musste seinen Aufmarsch stoppen – dieser antifaschistische Kampf ging in die Geschichte als „Battle of Cable Street“ ein.

Der Aufstieg des Faschismus in England

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die British Union of Fascists verboten, Mosley wurde interniert. Doch bereits 1945 und 1946 traten in London wieder faschistische Organisationen auf. Eine der wichtigsten war die British League of Ex-Servicemen and Women unter Jeffrey Hamm, einem Anhänger Mosleys. Unter dem Deckmantel einer Veteran:innenorganisation veranstaltete sie Straßenversammlungen, bei denen gegen Jüdinnen und Juden, Migrant:innen und die Demokratie gehetzt wurde.

Für die britischen Behörden waren aber nicht die gewalttätigen Faschistenaufmärsche das Problem, sondern die antifaschistischen Störungen. Für die Bevölkerung in den jüdischen Vierteln bedeutete das: die Polizei schützte die Auftritte der Faschisten, die diese Auftritte wiederum dazu nutzten um jüdische Geschäfte und Menschen gewalttätig anzugreifen. Während in Europa – auch durch Großbritannien – der Antisemitismus militärisch besiegt werden musste, marschierte der Antisemitismus in Großbritannien auf und wurde von der Polizei geschützt. Für viele jüdische Kriegsveteran:innen war das unerträglich. Sie hatten in der Armee, der Royal Navy, der Luftwaffe oder der Handelsmarine gegen Hitlerdeutschland gekämpft und kehrten nun heim, um erneut „Heil Hitler“-Rufe und antisemitische Hetzreden zu hören.

Im April 1946 griffen jüdische Ex-Soldat:innen erstmals geschlossen in eine faschistische Versammlung ein und vertrieben Redner:innen und Ordner:innen von der Plattform. Kurz darauf trafen sich im Maccabi House in Hampstead 43 Menschen – 38 Männer und fünf Frauen. Nach dieser Zahl nannten sie ihre neue Organisation die 43 Group. Ihr Ziel war: Faschistische Organisationen sollten sich nicht erneut ungehindert auf den Straßen ausbreiten können.

Wer waren die Antifaschist:innen der 43 Group?

Zu den Gründern und wichtigsten Köpfen der 43 Group gehörten Morris Beckman, ehemaliger Funker der Merchant Navy, Gerry Flamberg, Fallschirmjäger und Boxer, sowie Len Sherman, ehemaliger Welsh Guardsman, Ringer und Judoka. Jonny Wimborne leitete den Nachrichtendienst und Reg Morris war Field Commander der 43 Group.

Eine ganz entscheidende Rolle für den antifaschistischen Kampf spielten Frauen:

Doris Kaye war Spionin der Gruppe, infiltrierte die faschistische Bewegung und arbeitete verdeckt im direktesten Umfeld von Mosley. Sie beschaffte Mitgliederlisten, Routen geplanter Aufmärsche sowie das streng geheim gehaltene Datum und den Ort von Mosleys erstem großen Comeback-Treffen im November 1947 in der Memorial Hall, wodurch die 43 Group die Veranstaltung blockieren und auflösen konnte.

Julie Sloggan war Straßenkämpferin. Sie nahm direkt an den „flying wedges“ teil. Die „flying wedges“ waren eine spezielle Stoßkeil-Taktik der 43 Group, mit der sie faschistische Straßenkundgebungen möglichst schnell physisch beendeten. Eine Gruppe von meist etwa 10 bis 15 Mitgliedern stellte sich keilförmig, ähnlich wie beim Rugby auf. Der Keil bewegte sich durch die Menge und beschleunigte plötzlich in Richtung Rednertribüne. Die Reihen der faschistischen Ordner wurde durchbrochen. Ziel war keineMassenschlägerei, sondern die Plattform und den Redner zu erreichen und die Tribüne bzw. den Rednerkasten umzuwerfen. Julie Sloggan war in den Straßen des East End an vorderster Front dabei, um faschistische Versammlungen anzugreifen und Übergriffe auf jüdische Viertel abzuwehren. Sie stammte aus dem Londoner Arbeiter- und Zivilmilieu und galt innerhalb der Gruppe als eine der entschlossensten Kämpfer.

Lynn West und weitere ungenannte Helferinnen übernahmen die operative Vorfeldaufklärung vor Kundgebungen der British League of Ex-Servicemen. Sie gaben sich als unbeteiligte Passantinnen aus, zählten die Zahl der faschistischen Ordner und identifizierten Flucht- sowie Rückzugswege für die Stoßtrupps der 43 Group.

Wendy Turner arbeitete als Undercover-Agentin der 43 Group. Sie infiltrierte Mosleys Union Movement, erhielt dort eine Stelle als Sekretärin und lieferte interne Informationen an die Gruppe. Schließlich wurde sie enttarnt und misshandelt.

Judith Michaels arbeitete vor allem publizistisch für die 43 Group. Sie gehörte zu den wichtigsten Autorinnen von On Guard und schrieb scharf gegen Mosleys Bewegung und den britischen Nachkriegsfaschismus.

Mildred Levy war Mitglied der 43 Group und beteiligte sich als junge jüdische Londonerin am antifaschistischen Kampf. Persönliche Unterlagen von ihr zur Gruppe befinden sich heute in der Wiener Holocaust Library.

Mildred Garland war Mitglied der 43 Group. Über ihre konkrete Tätigkeit ist nur wenig überliefert; ihre Mitgliedschaft und ihre Erinnerungen an die Auseinandersetzungen mit den Faschisten sind durch Oral-History-Aufnahmen dokumentiert.

Die Shapiro-Schwestern gehörten ebenfalls der 43 Group an. Morris Beckman nennt beide ausdrücklich als ehemalige Mitglieder, überliefert allerdings weder ihre Vornamen noch ihre konkreten Aufgaben innerhalb der Organisation.

Zu den weiteren bekannten Mitgliedern gehörten Vidal Sassoon, der bereits mit 17 Jahren zur Gruppe stieß und 1948 als Freiwilliger nach Israel ging, sowie Jules Konopinski, der ebenfalls als Jugendlicher eintrat und später im Palmach kämpfte. Stanley Marks, ehemaliger Royal Engineer, dokumentierte die Aktivitäten der Gruppe akribisch und hinterließ einen wichtigen Teil ihres Archivs. Martin Block, ehemaliger RAF-Angehöriger, gehörte dem Executive Committee an. Daneben kämpften Männer wie Sam Needleman, Harry Kaufman, Norman und Gerald Jacobs, David Spector und Paul Beder in den Reihen der Gruppe – Kriegsveteranen ebenso wie sehr junge jüdische Londoner, die für den Zweiten Weltkrieg noch zu jung gewesen waren.

Ziel der 43 Group

Die 43 Group war keine Parteiorganisation und besaß kein geschlossenes ideologisches Programm. In ihr arbeiteten Konservative, Liberale, Sozialist:innen und Kommunist:innen, Zionist:innen und Antizionist:innen zusammen. Entscheidend war nicht die politische Herkunft, sondern die Bereitschaft, Faschismus aktiv entgegenzutreten. Die Gruppe betonte ausdrücklich, keiner Partei anzugehören und von keiner politischen Organisation finanziert zu werden.

Einerseits wollte sie faschistische Aktivitäten nötigenfalls durch direkte und körperliche Gegenwehr verhindern. Andererseits forderte sie gesetzliche Maßnahmen gegen rassistische Aufstachelung. Die Mitglieder wussten, dass Straßenaktionen allein den Faschismus nicht dauerhaft beseitigen konnten. Solange antisemitische Hetze jedoch weitgehend legal blieb und von der Polizei geschützt wurde, wollten sie den Faschisten den öffentlichen Raum nicht kampflos überlassen.

Die 43 Group handelt!

Die Arbeit der 43 Group ging weit über spontane Schlägereien hinaus und verband direkte Aktion mit systematischer Aufklärung, verdeckten Ermittlungen und politischer Gegenöffentlichkeit. Durch kontinuierliche Beobachtung von Kundgebungen und Ordner:innenstrukturen erstellte die Organisation ein präzises Lagebild der extremen Rechten. Informant:innen drangen verdeckt in faschistische Zirkel ein, beschafften Mitgliederdaten sowie interne Planungen und leiteten diese an Medien, Parlamentarier:innen und fallweise an die Behörden weiter.

Im operativen Bereich störten kleine Stoßtrupps Kundgebungen gezielt durch Zwischenrufe, das Kappen von Lautsprechern oder das Erstürmen von Redner:innenpodesten, um faschistische Rekrutierungsversuche im Keim zu ersticken. Den gewalttätigen Ordner:innen Oswald Mosleys traten kriegserfahrene Mitglieder – darunter Nahkämpfer:innen, Fallschirmjäger:innen und Boxer:innen – entschlossen entgegen, um die Einschüchterung jüdischer Viertel physisch zu unterbinden.

Ein zentraler Schauplatz dieses Dauereinsatzes war der Markt an der Ridley Road in Dalston, wo wöchentliche Gegenmobilisierungen die Straßenpolitik der Faschisten zermürbten und letztlich erfolglos machten. Dieser praktische Schutz der angegriffenen jüdischen Gemeinschaft wurde durch die von 1947 bis 1949 herausgegebene Zeitung „On Guard“ flankiert, die Rechercheergebnisse und internationale rassistische Entwicklungen offenlegte. Als Mosley 1948 seine Union Movement gründete, traf er auf ein eingespieltes Netzwerk, das seine Auftritte überwachte und störte, wodurch der politische Nachkriegsdurchbruch des britischen Faschismus dauerhaft verhindert wurde.

Gewalt und Selbstverteidigung

Die 43 Group setzte Gewalt ein und verschwieg das nicht. Ihre Mitglieder suchten nicht jede Auseinandersetzung, waren aber bereit, faschistische Versammlungen mit körperlicher Kraft zu beenden und deren Ordner:innen zurückzuschlagen. Wer darüber urteilt, darf den vorausgehenden Angriff nicht ausblenden. Die Faschisten beanspruchten den öffentlichen Raum nicht für eine gewöhnliche demokratische Debatte. Sie organisierten eine Bewegung, deren Vorbilder gerade Europa verwüstet und sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet hatten. Ihre Kundgebungen waren Rekrutierungsveranstaltungen und eine Machtdemonstration.

Die 43 Group stellte deshalb eine andere Frage: Wer zahlt den Preis, wenn Staat und Gesellschaft einer gewaltförmigen faschistischen Bewegung freien Raum lassen? Ihre Antwort lautete: nicht noch einmal wir. Militanz ersetzte dabei weder Aufklärung noch Organisation. Sie war Teil einer Strategie, die den Faschisten Publikum, Sicherheit, Informationen und öffentliche Normalität entziehen sollte.

Erfolg und Vermächtnis

Die 43 Group nahm den Faschisten ihre ungestörten Straßenplattformen. Die Faschisten mussten Kräfte für Ordner:innendienste und Geheimhaltung aufwenden. Die 43 Group deckte interne Strukturen auf, informierte Öffentlichkeit und Politik und schützte Angegriffene. Vor allem zerstörte sie das Bild einer schweigenden und verängstigten jüdischen Minderheit. Ende der vierziger Jahre gingen die großen Straßenauseinandersetzungen zurück, Mosleys Bewegung verlor Mitglieder und Schwung.

Am 4. Juni 1950 löste sich die 43 Group freiwillig auf. Ihre Mitglieder waren überzeugt, dass die unmittelbare Gefahr eines faschistischen Wiederaufstiegs gebannt war. Der britische Faschismus verschwand damit nicht. Als in den frühen sechziger Jahren offen neonazistische Gruppen erneut auftraten, entstand nach dem Vorbild der 43 Group die 62 Group.

Die 43 Group war nicht groß, nicht staatlich legitimiert und nicht frei von Widersprüchen. Aber sie erkannte eine Gefahr, die viele lieber als Randphänomen behandelt hätten. Ihre Mitglieder kamen aus einem Krieg gegen den Faschismus zurück und weigerten sich, ihn in den Straßen Londons für beendet zu erklären, solange Faschisten dort wieder jüdische Menschen bedrohten. Der Erfolg der 43 Group bestand darin, eine konkrete Bewegung daran zu hindern, aus Hass wieder Macht zu machen. Das war Selbstverteidigung – und solidarischer Antifaschismus in seiner entschiedensten Form.

Die 62 Group

Nach der Auflösung der 43 Group formierten sich in den frühen 1960er Jahren neue, offen neonazistische und rassistische Gruppierungen in Großbritannien. Dazu gehörten insbesondere das National Socialist Movement (NSM) unter Colin Jordan und John Tyndall sowie die Überreste von Oswald Mosleys Union Movement und die British National Party. Neben fortgesetztem Antisemitismus richteten sich faschistische Angriffe nun verstärkt auch gegen Einwanderer:innen aus der Karibik (Windrush Generation). Als Colin Jordan im Juli 1962 am Trafalgar Square unter Parolen wie „Hitler was right“ und Bannern gegen Jüdinnen und Juden aufmarschierte, kam es zu schweren Straßenschlachten. Daraufhin schlossen sich Veteran:innen der 43 Group mit jüngeren Aktivist:innen zusammen, um wieder eine schlagkräftige Struktur aufzubauen.

Die Geschichte der 43 Group endete nicht 1950. Ihre Erfahrungen und Methoden lebten in der 62 Group weiter. Die 62 Group löste sich Mitte der 1970er Jahre auf, als sich das faschistische Spektrum in die National Front wandelte und sich breitere gesellschaftliche Gegenbündnisse, wie die spätere Anti-Nazi League, bildeten. Aus dem Nachrichtendienst der 43 Group entstand Searchlight, eines der bedeutendsten antifaschistischen Rechercheprojekte Großbritanniens. Searchlight gehörte 2003 auch zu den Gründungsorganisationen des Antifa-Net – International Antifascist Network for Research and Action, das antifaschistische Recherchegruppen aus Europa und den USA international vernetzt. Aus dem Umfeld der 62 Group entstand außerdem der Community Security Trust (CST), der bis heute jüdische Einrichtungen in Großbritannien schützt.“

Avatar-Foto

Stefan Steindl

Stefan ist politischer Sekretär der AUGE Wien und engagiert sich für eine linke, unabhängige und vielfältige Gewerkschaftsarbeit. Er setzt sich für Demokratie im Betrieb, Gleichberechtigung und eine gerechte, ökologische Zukunft ein – in Wien und darüber hinaus.

Mehr von dieser Person

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert