Die KI stellt unsere Welt auf den Kopf

Seit über zwanzig Jahren werden die Auswirkungen diskutiert, das Ergebnis ist offen

Etwas über 1200 Tage ist es her, dass OpenAI mit ChatGPT den ersten LLM-Chatbot (»Large Language Model«) veröffentlicht hat. Seither hat sich viel getan, aber auch zuvor war schon absehbar, dass KI die Arbeitswelt massiv betreffen wird. Im Jahre 2014 wurde ein YouTube-Video mit dem Titel »Humans Need Not Apply« veröffentlicht.

2004 ist das Buch »Wissen, Wert und Kapital« erschienen, in dem André Gorz schon recht eindringlich vor KI warnt. Im Jänner 2005 habe ich meine erste politische Diskussion zu KI und deren gesellschaftlichen Auswirkungen organisiert. Wir hatten nur eine Zuhörerin. Als IT-ler bin ich mit Moore’s Law aufgewachsen. Wenn sich die Leistungsfähigkeit von Chips etwa alle 18 Monate verdoppelt, dann war auch schon vor über 20 Jahren absehbar, dass das nicht ohne Auswirkungen bleiben wird, schon damals konnte man abschätzen, dass etwa 2025 die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns erreichbar ist.

Was mich nicht verwundert hat, war, dass diese Entwicklung lange Zeit ignoriert wurde. Für viele Menschen hätte das alles zu sehr nach Sci-Fi geklungen, und diejenigen, die die Entwicklung für plausibel gehalten haben, wollten sich vielleicht nicht der Kritik aussetzen, utopische Spinner zu sein. 

Verdrängung des Offensichtlichen

Was mich dagegen sehr wundert, ist, wie massiv die Leugnung und die Verdrängung des Offensichtlichen noch immer ist. KI wird unsere Welt komplett auf den Kopf stellen und das innerhalb weniger Monate. Die KI-Agenten, die mehr oder weniger eins zu eins einen Büroarbeitsplatz ersetzen, indem sie einfach einen Computerarbeitsplatz steuern, stehen bereits in den Startlöchern. Anfangs sicherlich etwas holprig, werden sie bald viele Tätigkeiten ausführen, die bis jetzt von Interns erledigt wurden. Dutzende Firmen entwickeln humanoide Roboter – mit der entsprechenden „Intelligenz“ im Hintergrund können die bald auch die allermeisten Tätigkeiten in der physischen Welt erledigen. Um das zu sehen, braucht es schon lange keine Glaskugel mehr.

Manche in der Linken wachen inzwischen auf: Bernie Sanders  Varoufakis reden bereits darüber, aber oft fehlen  zentrale Einsichten. 

Was bedeutet die Entwicklung für uns?

Wenn die KI unsere Jobs nimmt, braucht es eine Entkopplung von Einkommen und Arbeit. Daran führt kein Weg vorbei. Es braucht ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aus gewerkschaftlicher Sicht brisant dabei: Wir wissen, dass uns die Unternehmen nichts verschenken und wir uns solche Dinge erkämpfen müssen. Aber sobald unsere Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, verlieren wir auch unser wichtigstes Druckmittel: den Streik.

Marx hat in den Maschinenfragmenten schon vor 150 Jahren darüber spekuliert, was passiert, wenn die Produktivität so hoch wird, dass kaum noch menschliche Arbeitskraft benötigt wird. Aus meiner Sicht kommt der wichtigste Hinweis darauf aber aus Kapital Band I: das Einzige, was Wert schafft, »die Erde und [der] Arbeiter« (MEW23, S. 529). Ein Kern der marxistischen Analyse, dass der Wert der Waren in etwa dem entspricht, was an Arbeit in ihnen enthalten ist, wird damit ungültig. Die Näherung war so lange adäquat, als die Arbeit der dominante Teil war. KI auf der einen Seite und die beschränkten Ressourcen unseres Planeten auf der anderen Seite stellen diese Näherung aber auf den Kopf. 

Wer gewinnt?

»Die Erde«  im Sinne von Ressourcen und vor allem Energie, deren Wert im Produkt steckt, wird immer mehr zum dominanteren der beiden Faktoren. Wie üblich haben die Kapitalist:innen ihren Marx deutlich genauer gelesen als die Linken und kaufen daher im großen Stil Grund und Boden auf.

Dass KI einen hohen Bedarf an Energie hat, ist inzwischen allgemein bekannt. Von vielen wird der Energiebedarf aber als Strohhalm benutzt, an den man sich klammert. Denn es wird eine falsche Gleichung aufgestellt: Der Job ist nicht Gefahr, weil die KI aufgrund ihres Energieverbrauchs zu teuer ist. 

 Aber auch hier ist Moore’s Law unbarmherzig: Demnach sinkt der Energieverbrauch bei gleicher Leistung über die Zeit und technische Entwicklung exponentiell. 

Was tun?

KI stellt so ziemlich alles auf den Kopf – viele der Probleme, die wir heute schon haben, werden noch verschärft. Schon seit einigen Jahren basieren die Algorithmen, die uns über Social Media manipuliert haben, auf KI. Mit neuen Möglichkeiten wird das noch einmal intensiver.

Ein wichtiger erster Schritt wäre ein Online-Werbeverbot. Das würde sehr dabei helfen, unsere Totalüberwachung zu reduzieren. Offline-Werbung zu verbieten, würde natürlich auch nicht schaden. Warum sollen wir dafür bezahlen, dass uns etwas aufgeschwatzt wird, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es brauchen?

… Vielfach herrscht noch die Meinung vor, dass man das mit kleineren regulativen Eingriffen in den Griff bekommen kann, sei es bei der Cybersecurity, der Überwachen, der Manipulation, der Bedrohung der Arbeitsplätze etc Aber das wirkt meist eher wie ein Plan, der die Stühle auf der Titanic neu anordnen will.

Wichtig ist jedenfalls, dass die Macht über KI nicht in einzelnen Händen konzentriert bleibt. Open Source / Open Weights Modelle sind daher wichtig. Am besten wäre wohl eine gesetzliche Verpflichtung, alleModelle öffentlich zu machen. Das ließe sich auch gut begründen: Immerhin wurden sie ja mit dem gesamten Menschheitswissen trainiert.

Der Umbruch als Chance

Soweit entwickelt sich das auch noch besser, als ich befürchtet habe: Es gibt sehr viele konkurrierende Modelle und die Open Source / Open Weights Modelle sind den kommerziellen nicht allzu sehr unterlegen.

Insgesamt ist es wohl wichtig, die Entwicklung, die wir ohnehin nicht aufhalten können, auch als Chance zu begreifen: Mit all den radikalen Umbrüchen werden die Menschen wohl auch offener dafür sein, das politisch-gesellschaftliche System ganz grundsätzlich zu hinterfragen. Das ist eine historisch einmalige Chance, die wir nicht vermasseln dürfen.

Franz Schäfer (Mond), März 2026

PS:

Mehr zum Thema auch auf meinem Qummunismus Blog: 

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Franz Schäfer

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