Kibbuz (Teil II): Hachschara und die Kibbuzim in Wien

Hachschara bedeutet Vorbereitung oder Tauglichmachung. Gemeint waren Ausbildungsstätten für junge Jüdinnen und Juden in der Diaspora, die sich auf die Alija nach Eretz Israel und auf ein Leben in landwirtschaftlichen Kollektiven, später oft in Kibbuzim, vorbereiteten. Gelernt wurden Landwirtschaft, Gartenbau, Handwerk, Hauswirtschaft und Hebräisch; dazu kamen jüdische und zionistische Geschichte, Palästinakunde und gemeinsames Leben. („Über Hachschara“)

Für viele Jugendliche begann der Weg zum Kibbuz schon in Europa: auf Gütern, in Werkstätten, Gruppenhäusern und städtischen Ausbildungsstätten. Hachschara war keine bloße Berufsschule, sondern verband praktische Arbeit, politische Bildung, jüdische Selbstorganisation und kollektiven Alltag. Wer daran teilnahm, sollte eine andere Lebensform einüben: gemeinsam arbeiten, Verantwortung übernehmen und sich auf ein Leben vorbereiten, in dem Gemeinschaft und Arbeit zusammengehören.

Für Österreich muss diese Geschichte besonders genau erzählt werden. Vor 1938 war Hachschara vor allem zionistische Vorbereitung auf Alija und Kibbuzleben. Nach dem „Anschluss“ wurde sie unter NS-Herrschaft zu etwas grundlegend Ambivalentem: Entrechtung, Ausreisedruck, „Arisierung“, Kontrolle und Ausbeutung und aber weiterhin ein Versuch jüdischer Selbstorganisation – aber vor allem: Rettung.

Hechaluz und Hachschara in Österreich

Für Österreich ist Hechaluz einer der Organisationen. Hechaluz, „der Pionier“, war der wichtigste Dachverband für die Hachschara. Die Website „Juden in St. Pölten“ nennt Hechaluz als 1922 gegründete Organisation, die ihre Mitglieder für die Alija schulte. („Hachschara“)

Unter diesem Dach entstanden auch in Österreich Hachscharalager. Jugendliche lernten landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten; daneben gab es Unterricht in Hebräisch, jüdischer und zionistischer Geschichte, Palästinakunde, Naturwissenschaften, Erdkunde und Erster Hilfe. 

In Österreich konnte Hachschara auf landwirtschaftlichen Gütern absolviert werden, vor allem in Niederösterreich und im Burgenland. Für den Raum St. Pölten werden Lern- und Umschulungslager unter anderem in Absdorf, Eichgraben, Landersdorf, Thalheim und Walpersdorf genannt; auch Gerolding, Aggstein und Aggsbach werden erwähnt. Daneben gab es städtische Kibbuzim in Wien und Graz.

Nach dem „Anschluss“: Vorbereitung unter Zwang

Nach dem „Anschluss“ 1938 veränderte sich der Rahmen radikal. Unter dem zunehmenden Druck zur Auswanderung, die drohende Gefahr eines eliminatorischen Antisemitismus und durch die plötzliche Verarmung der jüdischen Bevölkerung wurden Hachschara-Lager in größerem Umfang eingerichtet: als landwirtschaftliche Lager und als städtische Lehrwerkstätten. Die Ausbildung, ursprünglich auf längere Zeit angelegt, wurde stark verkürzt; der ideologische und pädagogische Teil trat angesichts der akuten Fluchtnot in den Hintergrund.  

Diese Orte bestanden nicht in einem freien politischen Raum. Die städtischen Ausbildungsstätten und landwirtschaftlichen Güter befanden sich oftmals auf „arisiertem“ Besitz, der von jüdischen Organisationen teuer gemietet werden musste. Damit waren auch Hachschara-Orte, die weiterhin jüdischer Vorbereitung und Fluchthilfe dienten, bereits in die Gewaltverhältnisse der NS-Herrschaft eingeschrieben. („Umschulungslager Sandhof“ )

Die städtischen Kibbuzim in Wien

Für Wien sind zwei konkrete Adressen belegt: Haasgasse 10 und Rotensterngasse 12. Gabriele Anderl schreibt in „Vertreibung und Neubeginn“, dass der österreichische Hechaluz im Juli 1939 den Höhepunkt seiner Hachschara-Tätigkeit unter NS-Herrschaft erreichte: 779 Personen seien damals in landwirtschaftlichen Ausbildungslagern und zwei städtischen Kibbuzim untergebracht gewesen, nämlich in der Haasgasse 10 und in der Rotensterngasse 12.

Diese städtischen Kibbuzim waren keine Kibbuzim im Sinn dauerhafter Dorfkollektive in Eretz Israel. Sie waren städtische Hachschara- und Umschichtungsstätten: Orte für Arbeitstraining, Handwerk, kollektiven Alltag, Hebräisch, Palästinakunde und Vorbereitung auf Alija. Unter NS-Herrschaft kann man sie aber nicht als normale Ausbildungsstätten beschreiben. Sie wurden im Kontext von Ausreisedruck, Verarmung, „Arisierung“ und NS-Kontrolle eingerichtet bzw. betrieben.

Haasgasse 10 und Rotensterngasse 12 stehen daher für eine bedrängte Zwischenform. Sie waren Orte jüdischer Vorbereitung und Selbstbehauptung, aber keine freien Räume, allgegenwärtig war die antisemitische Vernichtungsdiktatur, die jüdisches Eigentum raubte, mordete, Auswanderung erzwang und jüdische Arbeitskraft ausbeutete.


Jugendbewegungen und politisches Milieu

Hachschara wurde von zionistischen Organisationen und Jugendbewegungen getragen. Für Österreich ist Hechaluz der zentrale Name, wenn es um die konkrete Organisation der Hachscharalager geht. Daneben gehörten sozialistisch-zionistische und andere zionistische Jugendbewegungen in dieses Feld.

Die konkrete Organisation der österreichischen Hachschara lief vor allem über Hechaluz.  Ein wichtiger Teil waren Jugendbewegungen, wie etwa Hashomer Hatzair (הַשּׁוֹמֵר הַצָּעִיר = „der junge Wächter“). Sie ist eine weltweite sozialistische, zionistische und jüdische Jugendorganisation, die 1913 im österreich-ungarischen Galizien gegründet wurde. In Wien gründeten sich die Hashomer Hatzair 1916 und noch heute gibt es sie als Wiener Ortsgruppe Hashomer Hatzair  Ken Tel Amal (Ken / קן = „Nest“ Tel Amal / תל עמל = „Hügel der Arbeit“; benannt nach dem Kibbuz Tel Amal, dem heutigen Kibbuz Nir David). 

Diese Jugendbewegungen prägten die Hachschara organisatorisch und ideologisch: körperliche Arbeit, jüdische Selbstbestimmung, Alija, Kollektivität und Vorbereitung auf gemeinschaftliches Leben wurden zusammengedacht. Nach 1938 blieb dieser Hintergrund wichtig, wurde aber von der Dringlichkeit der Flucht überlagert.

Hachschara, Zwangsarbeit und Ausbeutung

Die niederösterreichischen Hachschara-Lager waren nach 1938 zunehmend vom organisierten Zwangsarbeitereinsatz beeinflusst. Arbeitsgruppen bekamen Arbeiten zugewiesen, wurden teils von nichtjüdischen Vorarbeitern beaufsichtigt und beim Straßen- oder Kraftwerksbau eingesetzt. Ab Herbst 1938 ging die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien demnach dazu über, Juden ohne Versicherung und abseits der für Zwangsarbeiter geltenden Tarife zu beschäftigen. Der Begriff „Umschulung“ verschleiert hier die Gewalt. Was als Ausbildung oder Vorbereitung erscheinen sollte, konnte unter NS-Bedingungen Teil eines Systems aus Zwang, Ausbeutung, Entrechtung und Vertreibung werden. 

Zwischen Selbstorganisation und Gewalt

Hachschara in Österreich war nach 1938 kein ungebrochener Raum jüdischer Selbstorganisation mehr. Sie blieb für viele junge Jüdinnen und Juden ein Versuch, sich zu retten, sich auf Alija vorzubereiten und eine Zukunft in Eretz Israel möglich zu machen. Gleichzeitig wurde sie unter NS-Herrschaft in ein System von Kontrolle, Zwang und Ausbeutung hineingezogen.

Es ist nicht nur eine Geschichte zionistisch-sozialistischer Ausbildung und jüdischer Selbstbehauptung. Sie ist auch eine Geschichte darüber, wie eine antisemitische Diktatur selbst Fluchtvorbereitung und Ausbildungsstätten in ihr System von Beraubung, Kontrolle und Ausbeutung hineinzog.

In der nächsten Ausgabe erwarten euch noch zwei weitere Artikel.

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Stefan Steindl

Stefan ist politischer Sekretär der AUGE Wien und engagiert sich für eine linke, unabhängige und vielfältige Gewerkschaftsarbeit. Er setzt sich für Demokratie im Betrieb, Gleichberechtigung und eine gerechte, ökologische Zukunft ein – in Wien und darüber hinaus.

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