Kibbuz (Teil I): „Wir waren die Zukunft“

Kibbuzim waren eines der radikalsten Arbeits- und Lebensmodelle des 20. Jahrhunderts: kollektives Eigentum, gemeinsame Arbeit, demokratische Selbstverwaltung und solidarische Versorgung. Der Kibbuz war Betrieb, Wohnort, Küche, Schule, Kulturraum und politische Gemeinschaft zugleich. Land, Gebäude, Werkzeuge, Tiere, Vorräte und später auch Maschinen gehörten der Gemeinschaft. Entschieden wurde in der Versammlung der Mitglieder. Auch heute noch sind Kibbuzim oft Modelle einer alternativen Lebensweise, auch wenn sie sich stark gewandelt haben.

Die ersten Kibbuzim entstanden im Umfeld der Zweiten Alija, der jüdischen Einwanderung nach „Eretz Israel“ zwischen 1904 und 1914. Diese Generation war von Arbeiter:innenzionismus, Sozialismus, Jugendbewegungen und antisemitischer Verfolgung geprägt. Kibbuz Degania am Südende des Sees Genezareth gilt als erster Kibbuz. Encyclopaedia Britannica datiert Degania auf 1909, viele Darstellungen nennen dagegen das Jahr 1910. 

Von der Kvutza zu den Kibbuzim

Die frühe Form war oft die Kvutza (קבוצה), hebräisch für „Gruppe“. Sie war überschaubar, materiell knapp, persönlich eng und von unmittelbarer Verantwortung geprägt. Aus solchen Gruppen entwickelte sich die größere Kibbuzbewegung. Der spätere Kibbuz institutionalisierte diese Ordnung mit Arbeitsplänen, Versammlungen, Komitees, gemeinsamer Versorgung, Kinderhäusern und kulturellem Leben. Arbeit war dabei nicht nur Mittel zum Überleben, sondern Teil eines politischen und pädagogischen Programms.

Arbeitsorganisation: Plan, Rotation, Verantwortung

Arbeit im Kibbuz beruhte auf Planung: Landwirtschaft, Küche, Wäscherei, Bau, Erziehung, Pflege und Verwaltung mussten aufeinander abgestimmt werden. Wer welche Aufgabe übernahm, war nicht bloß private Vorliebe, sondern Gegenstand gemeinsamer Organisation. Arbeitskomitees und gewählte Funktionen koordinierten die einzelnen Bereiche. 

In vielen Kibbuzim galt Rotation als Ideal. Leitende oder angenehmere Tätigkeiten sollten nicht dauerhaft bei denselben Personen bleiben und schwere oder monotone Arbeiten sollten nicht dauerhaft denselben Menschen zugeschrieben werden. („The Kibbutz: Transformation from a Collective to a Community of Individuals“)

Die Versammlung als Herz der neuen Ordnung

Die Mitgliederversammlung war das Zentrum der Kibbuz-Demokratie. Dort wurden neue Mitglieder aufgenommen, Budgets beschlossen, Investitionen diskutiert, Funktionen gewählt, Konflikte behandelt und Regeln für den Alltag festgelegt. Diese Demokratie reichte bis in Fragen hinein, die sonst oft als privat gelten: Wohnraum, Konsum, Erziehung, Arbeitsaufteilung, Kultur, Pflege, Neuanschaffungen. („The Kibbutz & Moshav: History & Overview“)

Wer gemeinsam lebt und wirtschaftet, muss über vieles reden, was sonst unsichtbar bleibt. Gerade darin lag der Kern des Modells: Die Gemeinschaft sollte ihre Ordnung selbst bestimmen. Die Alltagsorganisation war nicht bloß Verwaltung, sondern Teil der demokratischen Praxis.

Der Speisesaal

Der Speisesaal war ein zentrales Element des gemeinschaftlichen Lebens. Dort wurde nicht nur gegessen; er war auch Ort täglicher Begegnung, Gespräche und gemeinsamer Öffentlichkeit. Das soziale Leben im Kibbuz drehte sich um den Speisesaal, wo Menschen einander trafen, aßen und miteinander sprachen. („Digging Deep Into the Collective Kitchens of Israel“

Auch andere Bereiche wurden kollektiv organisiert. Im Mittelpunkt stand nicht individueller Lohn und privater Konsum, sondern Versorgung aus gemeinsamen Mitteln. 


Sorgearbeit

Besonders weit ging der Anspruch bei der Sorgearbeit. Krankenpflege, Kinderbetreuung und Erziehung wurden nicht einzelnen Haushalten überlassen, sondern als notwendige Arbeit der Gemeinschaft organisiert. Damit wurde sichtbar, was sonst häufig unsichtbar bleibt: Ohne Kochen, Waschen, Pflegen, Erziehen und Organisieren funktioniert keine Gesellschaft. („The Kibbutz Movement“)

Die gemeinsame Küche und die Wäscherei entlasteten einzelne Familienhaushalte. Krankenversorgung, Altersbetreuung und Kinderbetreuung wurden Teil der sozialen Infrastruktur. Diese Einrichtungen sollten Frauen von der alleinigen Zuständigkeit für Haushalt und Kinder lösen und ihnen die Teilnahme an Arbeit, Versammlung und öffentlichem Leben ermöglichen. („The Struggle for Equality: Urban Women Workers in Prestate Israeli Society“) 

Viele Sorgearbeiten mussten dennoch oftmals Frauen übernehmen – trotzdem stellte der Kibbuz eine zentrale Frage praktisch: Wer trägt die Arbeit des Alltags, wer entscheidet über sie und wie wird sie anerkannt?

Kinderhäuser und kollektive Erziehung

Die Kinderhäuser gehörten zu den bekanntesten Einrichtungen vieler Kibbuzim. Kinder wurden dort gemeinschaftlich betreut, aßen, lernten und schliefen oft in eigenen Häusern. Eltern verbrachten festgelegte Zeiten mit ihnen, aber ein großer Teil der täglichen Betreuung lag bei der Gemeinschaft und bei Erzieher:innen. („The Kibbutz Movement“)

Dahinter stand ein pädagogisches Programm. Kinder sollten in einer Gruppe aufwachsen, früh Verantwortung übernehmen, Konflikte gemeinsam austragen und Gemeinschaft als Alltag erleben. Erziehung sollte nicht in der abgeschlossenen Kleinfamilie stattfinden. Diese Praxis war später stark umstritten; in vielen Kibbuzim wurde das gemeinsame Schlafen im Kinderhaus aufgegeben. („Kibbutz Children’s Collective Sleeping Arrangements“)

Gleichheit, Frauen und Widersprüche

Der Kibbuz versprach Gleichheit nicht nur als Rechtsform, sondern als Alltagspraxis. Doch Geschlechterrollen verschwanden nicht einfach. Viele Frauen arbeiteten weiterhin in Bereichen, die traditionell weiblich geprägt waren; Leitungsfunktionen, technische Arbeit und landwirtschaftliche Schlüsselpositionen waren nicht automatisch gleich verteilt. („The Kibbutz: Transformation from a Collective to a Community of Individuals“)

Die Kibbuzim waren keine fertige Antwort auf die Frage nach Gleichheit, aber sie machten sichtbar, dass Gleichheit ohne Neuorganisation von Sorgearbeit unvollständig bleibt.

Bewegungen und Einflüsse

Geprägt wurde die Kibbuzbewegung von sozialistisch-zionistischen Arbeiter:innen- und Jugendbewegungen. Besonders Hashomer Hatzair spielte später eine zentrale Rolle. Die Bewegung verband Zionismus, Sozialismus, jüdische Kultur, Jugendbildung, Alija und kollektive Lebenspraxis. Ihr erster Kibbuz war Beit Alfa, gegründet 1922. Später, 1927, entstand mit HaKibbutz HaArtzi jene Föderation aus Kibbuzim, die eng mit Hashomer Hatzair verbunden war. („Ha-Shomer ha-Tsa‘ir“)

Neben marxistischen, sozialdemokratischen und arbeiter:innenzionistischen Einflüssen wirkten auch anarchistische Ideen: freiwillige Gemeinschaft, direkte Demokratie, gemeinsames Eigentum, Rotation und geringe Trennung zwischen Beschluss und Ausführung. James Horrox verweist in „A Living Revolution“ auf Kropotkin, Gustav Landauer und Martin Buber.

Eine konkrete Ordnung des Alltags

Die frühen Kibbuzim machten aus sozialistischer Theorie eine konkrete Ordnung des Alltags: gemeinsames Eigentum, gemeinsame Arbeit, kollektive Versorgung, politische Versammlung, organisierte Kinderbetreuung, Rotation von Funktionen und praktische Solidarität. Ihr historischer Kern liegt darin: Arbeit und Leben sollten gemeinsam demokratisch organisiert werden.

Hier gehts zu Teil II

Avatar-Foto

Stefan Steindl

Stefan ist politischer Sekretär der AUGE Wien und engagiert sich für eine linke, unabhängige und vielfältige Gewerkschaftsarbeit. Er setzt sich für Demokratie im Betrieb, Gleichberechtigung und eine gerechte, ökologische Zukunft ein – in Wien und darüber hinaus.

Mehr von dieser Person

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert