„Abgesandelt“ sagt Leitl – aber was sagt seine WKÖ?

abgesandelt

Neue ÖVP Werbelinie? Geballte schwarze Wirtschaftskompetenz?  Bild von chorherr.twoday.net

„Abgesandelt“ sei der Wirtschaftsstandort Österreich meinte kürzlich Christoph Leitl, seines Zeichens Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Obmann des ÖVP-Wirtschaftsbundes. Neben ihm Finanzministerin Maria Fekter, ÖVP-Finanzministerin, Wirtschaftsbündlerin, die nicht nachstehen wollte und von einem „ramponierten Image“ Österreichs bei Wirtschaftstreibenden sprach. So weit, so bekannt.
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So weit weit weniger bekannt: Die WKÖ, also die Wirtschaftskammer Österreich, also jene Institution, der Leitl als Präsident vorsteht, schätzt den Wirtschaftsstandort Österreich gänzlich anders ein.
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Die „Stabsabteilung Wirtschaftspolitik“ der WKÖ hat nämlich  vor gar nicht so langer Zeit – im Dezember 2012, aktualisiert und überarbeitet im April 2013 – eine recht patriotisch-schwülstig geratene Kurzdarstellung unter dem Titel „Das ist Österreich – Der Wirtschafts- und Arbeitsstandort“ publiziert. Und: da stellt sich Österreich als Wirtschaftsstandort interessanterweise gänzlich anders dar, als von Leitl behauptet. Aber komplett anders. Ein paar Auszüge gefällig? Aber gerne….

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„Österreich – wo wirtschaftlicher Erfolg zu Hause ist“ …
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… heißt es gleich auf Seite 2. Hinsichtlich der „Ramponiertheit“ des Images Österreichs ist im WKÖ-Skript interessanterweise recht wenig zu lesen. Vielmehr lobt die Stabsstelle Österreichs wirtschaftliche Erfolgsgeschichte in höchsten Tönen. Mit stolzgeschwellter Brust lassen die Wirtschaftskämmerer verlauten:

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„Österreich hat es in der Nachkriegszeit sehr rasch geschafft, vom Nachzügler zum Vorreiter in Europa zu werden. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner zählt Österreich heute zu den TOP-3 der EU und somit zu den reichsten und höchsten entwickelten Volkswirtschaften weltweit. Trotz der Nachwirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 und der derzeit schwierigen Lage in Europa und der Eurozone (Stichwort Schuldenkrise), konnte sich Österreich beim BIP pro Kopf vom 5. (2010) auf den 3. Rang verbessern und liegt somit klar vor Deutschland, Österreich wichtigstem Handelspartner.“

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Wenn das „abgesandelt“ ist, stellt sich die Frage, wie Leitl wohl die Situation in Deutschland beschreiben würde. Wir wollen es uns gar nicht ausmalen … Und wie schauts – laut WKÖ – mit der Wettbewerbsfähigkeit aus?

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„Das Wirtschaftswachstum lag und liegt … – trotz Schuldenkrise und Euro-Debatte – über jenem des EU- bzw. Eurozone-Durchschnitts. Auch aus diesem Grund konnte sich Österreich in der internationalen Gegenüberstellung als wettbewerbsfähiger und attraktiver Wirtschaftsstandort in Europa etablieren. (Seite 3)“

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Nun, „attraktiv“ und „abgesandelt“ beginnen beide mit „a“ das kann man schon einmal verwechseln.
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„Auf der Überholspur – Österreich im internationalen Vergleich“
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Aber die Rankings, die Rankings, die internationalen wo Österreich soooo verloren hat … Ja, die zitiert auch die WKÖ Stabstelle. Um einmal mehr zu einem gänzlich anderen Schluss als Leitl und Fekter zu kommen:

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„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann Österreich auf über 50 Jahre außerordentlichen Erfolgs zurückblicken. Dank hoher Produktivität, gesellschaftspolitischem Konsens und sehr produktivem Humankapital ist nicht nur der wirtschaftliche und technologische  Durchbruch zu einer Position in der Spitzengruppe der modernen Marktwirtschaften gelungen, sondern darüber hinaus die positive Verwirklichung aller übrigen klassischen Wirtschaftsziele wie Wertschöpfungs- und Einkommenssteigerung, Preisstabilität und geringe Arbeitslosigkeit. So findet sich Österreich heute weit vorne in zahlreichen internationalen Rankings, die die Messung der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten zum Ziel haben.“ (Seite 10)

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Abschließend heißt es schließlich unter dem Titel „Das ist Österreich“

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„Gesamt betrachtet: Wirtschaftlicher Erfolg, politische Stabilität, innovative und fleißige Unternehmerinnen und Unternehmer, gut ausgebildete Arbeitskräfte, sozialer Frieden und Sicherheit sowie ein eingespieltes, konsensorientiertes sozialpartnerschaftliches System und eine Wirtschaft, die auf Internationalisierung setzt (Österreich als Mitglied der EU und der Eurozone; Österreich als Exporteuropameister; Österreich als Tor zu den Nachbarn im Osten und Süden) sind wichtige Qualitäten unseres Landes. Dazu kommen  auch noch die hoch geschätzte Lebensqualität, hohe Gesundheits- und Umweltstandards, der ausgeprägte Kultursinn, die Rechtssicherheit und der Schutz vor Kriminalität. Diese nicht von der Hand zu weisende Fakten und Stärken tragen dazu bei, dass das österreichische Modell auch im 21. Jahrhundert als Erfolgsmodell bezeichnet werden kann. Gleichzeitig sind sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass Österreich zu den attraktivsten Wirtschafts- und Arbeitsstandorten der Welt gehört.“

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Nun, vielleicht ist die „neue“ Abwrack-Linie noch nicht in der Stabsstelle angekommen. Nun, vielleicht ist die Position der Stabsabteilung Wirtschaftspolitik in der WKÖ noch nicht ganz im Präsidium angekommen. Nun, vielleicht hat sich die wirtschaftliche Situation seit April tatsächlich dramatisch verschlechtert. Vielleicht ist allerdings auch einfach nur Wahlkampf. Eine Zeit, fokussierter Unintelligenz, wie dermaleinst ein Bürgermeister meinte …
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Link: „Das ist Österreich – Der Wirtschafts- und Arbeitsstandort im Überblick“, Stabsabteilung Wirtschaftspolitik, Dezember 2012

 

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