Alles Wettbewerb oder was? Von der Bedeutung der Binnennachfrage in der EU

Aus der Präsentation "Mythos Wettbewerbsfähigkeit", Exportanteile Eurozone

Die Weichen scheinen europaweit gestellt: alles Wettbewerb heißt die Devise. Jedes europäische Land soll „wettbewerbsfähiger“ werden, also seine Exporte steigern, seine Leistungsbilanz verbessern. Und wie soll das geschehen? Durch eine „zurückhaltende“ Lohnpolitik, die im – inzwischen immer üblicher werdenden – Extremfall bis hin zu drastischen Lohnkürzungen a la Griechenland gipfelt. Oder – auch ausgesprochen beliebt – durch eine Liberalisierung und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte – sprich Abbau von Rechten und Schutzbestimmungen für ArbeitnehmerInnen und Arbeitslose. Oder, auch im Repertoire aller Wettbewerbsteigerungsfetischisten – Unternehmens- und Kapitalsteuern runter, „unproduktive“ Sozialausgaben ebenfalls und Defizite wie Schulden abbauen, um für „Investoren“ weiterhin interessant zu bleiben.

Über eine Ankurbelung der Exportwirtschaft, der „Außenwirtschaft“ bzw. der Exporte , durch eine Stärkung der „Wettbewerbsfähigkeit“ der einzelnen EU-Staaten erhofft man sich innerhalb der EU endlich wieder auf den Pfad von wirtschaftlichen Wachstum und Erfolg zurückzukehren. „Neue Märkte“ die hohes Wachstum und jede Menge Chancen versprechen – in Asien, Südamerika, wo auch immer – gelte es zu bedienen, mit diesen in Konkurrenz um Weltmarktanteile zu treten.

„Mythos Wettbewerbsorientierung“

Im Rahmen der diesjährigen Tagung der Keynes-Gesellschaft in Linz wurde allerdings die Bedeutung des Außenhandels als Motor für eine europäische Wachstumsstrategie dann doch verstärkt hinterfragt. Die AK Experten Sepp Zuckerstätter und Georg Feigl belegten mit Zahlen, Daten und Fakten recht eindrucksvoll die tatsächliche Bedeutung von Außenhandel und „Inlandsnachfrage“ in der EU. Das Ergebnis: der Großteil der Nachfrage nach europäischen Gütern kommt aus der EU selbst, der Außenhandel spielt tatsächlich eine weitgehend überschätzte, tatsächlich jedoch untergeordnete Rolle. Zur Krisenüberwindung taugt eine auf „Export“ ausgerichtete europäische Wirtschaftspolitik nur wenig. Im Gegenteil.

Die Bedeutung der Binnennachfrage im Binnenmarkt EU

Aus der Eurozone werden Waren im Umfang von 2.065 Mrd. Euro – also von knapp über 2 Billionen Euro – exportiert. Eine beeindruckende Zahl. Deutliche weniger beeindruckend wird sie, wird sie der „Inlandsnachfrage“ im Euroraum gegenübergestellt: Im Euroraum werden nämlich Produkte im Ausmaß von 9.124 Mrd. Euro – also von über 9 Billionen Euro – nachgefragt. Das ergibt eine Euro-Raum-“Inlandsnachfrage von 82 % bzw. eine Exportnachfrage von 18 %!

Wird der Euro-Raum nun auf den gesamten EU-27-Raum ausgeweitet – also inklusive  Dänemark, Polen, Großbritannien etc. – steigt die „Binnennachfrage“ auf 87,4 %!

Mit der Schweiz und Russland steigt der „europäische“ Nachfrageanteil nochmals auf 89,5 %.

Interessant dabei: der „riesige Hoffnungsmarkt“ China ist nur zu 1 % für einen relevanten Teil der Nachfrage verantwortlich. Die „kleine“ Markt Schweiz dagegen für 1,4 %!

Nur knapp über 10 % des Handel innerhalb der EU findet also außerhalb „EU-ropäischer“ Grenzen statt. Der weitaus überwiegende Teil des Handels – nämlich nur knapp unter 90 % – der „Nachfrage“ ist also innereuropäisch gemacht. Die Relevanz des Außenhandels ist im Vergleich zur Binnennachfrage innerhalb der EU also vergleichsweise gering. Eine europaweit, gleichzeitig, auch unter dem Schlagwort der „Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ stattfindende Austeritätspolitik, vielfach verbunden mit Lohndruck und Abbau von Sozialstaatlichkeit (und damit Transfereinkommen bzw. öffentlicher Nachfrage) muss daher beinahe zwangsläufig angesichts der engen und massiven innereuropäischen wirtschaftlichen Verflechtung zu Wachstumseinbrüchen führen.

Österreich: Nachfrage Inland + EU 27 = 90 %

64 % der Nachfrage nach österreichischen Produkten kommt aus Österreich selbst. Also: beinahe zwei Drittel aller in Österreich produzierten Güter werden in Österreich selbst nachgefragt. Die Inlandsnachfrage ist damit alles andere als unerheblich, wollen Unternehmerverbände auch gerne den Eindruck vermitteln, Österreich lebe so gut wie nur vom Export und müsse daher seine „Wettbewerbsfähigkeit“ ständig erhöhen – sprich sich in Lohnzurückhaltung und Sparsamkeit üben. Erweitert frau/man die Nachfrage auf die BRD, ist bereits 76 % der Gesamtnachfrage abgedeckt. Mit Italien 78,6 %. Mit dem Euro-Raum 84 % unseres Güterabsatzes, mit der Gesamt EU-27 90 %. Werden noch jene europäischen Staaten hinzu gezählt, die keine EU-Mitglieder sind kommt frau/man auf 94 % aller in der Alpenrepublik produzierten Güter, die abgesetzt werden. Nur 6 % entfallen auf Afrika, Asien und Amerika.

Interessant auch hier: China ist als Markt etwa gleich bedeutend wie Polen bzw. die Niederlande.

Deutschland: Exportweltmeister – in die EU

Güter im Umfang von 1.152 Mrd. Euro – also 1,15 Billionen Euro – exportiert die BRD in alle Welt. In alle Welt? Ja, allerdings größtenteils nach Europa. Zuallererst: 67 % aller deutschen Produkte werden auch in Deutschland gekauft. In der BRD – dem „Exportweltmeister“ – spielt also die Inlandsnachfrage eine noch bedeutenderer Rolle als in Österreich. Eine „stagnierende“ Binnennachfrage trifft also auch die deutsche Wirtschaft schwer – nicht nur „stockende“ Exporte. Hinsichtlich der Exporte geht auch aus der BRD der überwiegende Teil in die restliche EU-Staaten. 80 % aller in Deutschland produzierten Güter werden im Euro-Raum (inkl. BRD) nachgefragt, erweitert auf die EU-27 steigt der Anteil auf 86 %!

Alle europäischen Staaten gemeinsam – also inklusive Russland, den süd–osteuropäischen Ländern, der Türkei etc. – fragen 90 % der deutschen Produkte nach. Von den übrig bleibenden 10 % der deutschen Waren gehen 4 % nach Amerika (2,5 % in die USA), rund 5 % nach Asien, das restliche Prozent nach Afrika und Ozeanien.

Nicht unspannend: Mit rund 1,7 % Beitrag zur Gesamtnachfrage nach deutschen Produkten liegt China noch hinter der Schweiz und auch knapp hinter Österreich. Oder anders gesagt: die Schweiz und Österreich sind hinsichtlich des Umfangs als Absatzmarkt für die BRD bedeutender als China!

Konklusio

Bezogen auf die EU als Binnenmarkt stellt sich die EU-Binnennachfrage als ungleich bedeutender als der Export in Staaten außerhalb Europas dar. Die Relevanz der EU-Binnennachfrage wird allerdings sträflich unterschätzt, was sich auch in einer falschen wirtschaftspolitischen Ausrichtung europäischer Politik („EU-Six-Pack“, „Fiskalpakt“, „European Governance“) ihren Ausdruck findet: statt sinnvoller europäischer wirtschaftspolitischer Koordination – etwa zum Abbau wirtschaftlicher Ungleichgewichte (Exportüberschüsse hier, Importüberschüsse da) – wird „nationale Disziplinierung“ (z.B. durch Lohndruck bei vermeintlich zu hohen Lohnstückkosten) betrieben. Eine über alle EU-Mitgliedsstaaten hinweg betriebene und sanktionierbare Politik der Steigerung der „nationalen Fähigkeit“ über Lohndruck – aber auch Senkung öffentlicher Ausgaben – schwächt allerdings entscheidend die dominante Binnennachfrage in der EU – nach europäischen Produkten.

Die „wettbewerbsorientierte EU-Reise nach Jerusalem“ sei daher durch eine „Keynesianische Binnenmarktstrategie“ zu ersetzen:

„Zur Überwindung der Krise sehen Georg Feigl und Sepp Zuckerstätter daher die Notwendigkeit auf gemeinsames Wachstum im Binnenmarkt zu setzen und nicht reihum durch Lohndumpingwettläufe ein Land nach dem andern noch weiter in Arbeitslosigkeit und Stagnation zu treiben.“

Linktipp: Mythos Wettbewerbsorientierung, Georg Feigl/Sepp Zuckerstätter

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