Bericht von: „Wieviel Finanzmarkt braucht die reale Wirtschaft?“

Kein Stuhl mehr frei und die Stehplätze an der Rückwand des Saales auch alle besetzt – war ja auch vielversprechend, das Gesprächsthema „Wieviel Finanzmarkt braucht die reale Wirtschaft?“.

Eine Spitzenbankerin, Getrude Tumpel-Gugerell (Europäische Zentralbank), und eine Spitzenunternehmerin, Brigitte Ederer (Siemens Österreich AG), sollten zu dieser Frage etwas Gescheites sagen. Dazu sollte Agnes Streissler (früher AK Wien, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspolitik) die beiden Frauen motivieren.

Ihre Fragen waren jedenfalls g’scheit. Die Antworten frei von jeglicher Systemkritik: Die Krise – in der „Plötzlichkeit“ und „Schärfe“ – ist eben passiert, weil im Finanzsektor das Geschäftsrisiko immer weiter erhöht worden ist und die Kontrollen leider versagt haben; und in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist es „uns“ doch sehr gut gegangen, die Renditeerwartungen wurden immer höher und höher geschraubt – und so sind eben auch kapitalstarke Unternehmen ins Anlagengeschäft eingestiegen.

Gertrude Tumpel-Gugerell, Agnes Streissler, Brigitte Ederer

Das Podium: Gertrude Tumpel-Gugerell, Agnes Streissler, Brigitte Ederer

Dort waren Gewinnmargen zu lukrieren, die in der Realwirtschaft nicht, zumindest nicht so schnell, erzielbar erschienen. War halt ein bissl riskanter, die Jongliererei mit so seltsamen Finanzprodukten – und irgendwann ist die Blase halt geplatzt. Und jetzt finden die Kunden, an die Siemens etwas verkaufen möchte, keine Finanzierung mehr. So einfach ist das.

Also drängt sich die ebenso einfache Frage auf: „Wie kommen wir wieder zur Normalisierung zurück?“
Dass „Siemens sich zu einem Investmentinstitut entwickelt hätte mit angeschlossener Bügeleisenproduktion“ (cit. Agnes Streissler), wurde nicht wirklich als Vorwurf an die ach so reale Wirtschaft aufgenommen, deren Managerinnen sich auch nicht gerade kleinlich unter das Volk der Glücksritter im Finanzspekulationssektor gemischt hatten. Mit Jetons, die  ihnen auch nur „anvertraut“ waren, so wie die Steuergelder den politischen Gebietskörperschaften anvertraut werden – allerdings zwangsweise.

Ach ja, es sei ja eine „Vertrauenskrise“ – die Banken müssten einander und auch den exportieren wollenden Unternehmen und auch den konsumieren wollenden Menschen wieder vertrauen. Alle müssten allen wieder vertrauen, dann würd’s schon wieder gehen. Bei den Kontrollen sollt’ man halt ein bissl was reparieren.

„Wir alle sind Wirtschaft“ – der Satz fiel zwar nicht in dieser wirtschaftspolitischen Plauderstunde – er drängte sich aber aus dem Vergessen in die Erinnerung, als Brigitte Ederer erzählte, dass die meisten Leute beim Reden über die Kurseinbrüche doch sehr bald so nebenbei sagten, sie hätten „schon ein bissl was verloren“.

Aber die Aufregung hielte sich in Grenzen. Bei zusätzlichen Steuerverpflichtungen in der Höhe dieser Verluste wäre die Aufregung ungleich anders.
A propos zusätzliche Steuerverpflichtungen: In der Krise ist das Gegensteuern eben notwendig, da bleibt halt weniger für die Nachhaltigkeit, dafür mehr Verschuldung für die kommenden Jahre. Und so sollten auch die Unternehmen in wirtschaftlichen Boom-Phasen mehr Eigenkapital einbehalten, damit sie in Krisenphasen nicht so abhängig würden. Das wichtigste Ziel sei die „Normalisierung der Lage“. Und dazu braucht’s eben den Geldregen. Jetzt.

Für die Banken untereinander und über die Banken an die Unternehmen und über die Banken für die Leute, damit sie ihre Autos schneller verschrotten und neue kaufen (auf Pump, no na; Lohnerhöhungen tun ja weh, leider). „Geht’s nicht direkter? Ohne Banken?“ fragte Agnes Streissler noch leise nach bei der Direktorin der Europäischen Zentralbank. „Langfristig wird sich im Bankensystem einiges ändern. Daran wird gearbeitet“, versprach mit vertrauensbildender Miene Frau Tumpel-Gugerell. Erstes und letztes, vereinzeltes, lautes Lachen im Publikum. Weitere Fotos unter: https://www.flickr.com/photos/augeug
pumuckl von der AUGE/UG

11. Feber 2009

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