Die „Ratingclowns“

Der Standard, 5. Juli 2011

Sie stehen wieder einmal im Zentrum der Kritik: die Ratingagenturen. Ganz Europa empört sich einmal mehr über deren Verhalten, berichtet etwa  der ORF. Der Grund: die massive Ablehnung von „Rettungsmaßnahmen“ für Griechenland unter Beteiligung privater Gläubiger, wie etwa seitens Frankreich angekündigt. OeNB-Präsident Nowotny – sonst eher zurückhaltend – kritisiert, dass die dominierenden US-Ratingagenturen „ … in dieser europäischen Angelegenheit sehr viel strikter und aggressiver“ agieren würden als in ähnlich gelagerten Fällen in Südamerika. Von einer „bewussten Provokation der europäischen SteuerzahlerInnen“ spricht der bayrische Finanzminister und erinnert an das „eklatante Versagen“ der Ratingagenturen im Zuge der Krise. Die italienische Börsenaufsicht zitiert die Agentur Standards & Poor’s zu sich. Diese hatte italienische Sparmaßnahmen als unzureichend negativ beurteilt. Obwohl Einzelheiten noch gar nicht offizielle bekannt waren. Und: immer lauter wird der Ruf nach einer „europäischen Agentur“, um sich von den US-amerikanischen zu emanzipieren und von deren Urteilen unabhängiger zu werden.

Ratingagenturen: demokratisch nicht legitimierte „Ideologieapparate“

Die Hauptkritikpunkte an Ratingagenturen: demokratische nicht legitimiert und privatwirtschaftliche Unternehmen entscheiden sie mit ihren Ratings über Gedeih und Verderb ganzer Volkswirtschaften und das trotz unvollständiger bzw. einseitiger Informationen oder falscher Einschätzungen. Für Werner Raza, Ökonom und Redakteur der BEIGEWUM-Zeitschrift Kurswechsel sind Ratingagenturen daher „Ideologieapparate“, die „kein objektives Wissen über die Zahlungsfähigkeit von Schuldnern“ produzieren, sondern vielmehr „Beurteilungen auf Basis theoretisch einseitiger, von der Öffentlichkeit nicht überprüfbarer Modelle“ reproduzieren. „Damit“, so Raza weiter, „determinieren sie, wer zu welchen Konditionen Zugang zu Kapital bekommt und wer nicht.“


Ratingagenturen werden mitverantwortlich für die Euro-Krise gemacht, da sie die Kreditwürdigkeit europäischer Staaten massiv herabgestuft haben und damit die Schuldenkrise(n) einzelner EU-Staaten massiv verschärf(t)en. Ratingagenturen werden jedoch auch ingesamt als mitschuldig am entstehen der Finanz- und Wirschaftskrise gesehen, wurden doch die Risken von Subrime-Credite, bzw. den entsprechend gebündelten „Ramschpapieren“ völlig falsch eingeschätzt und diese viel zu hoch bewertet mit allen fatalen Folgen.

„Stoppt die Ratingclowns“

So lautet ein Kommentar von Thomas Fricke in der Financial Times Deutschland, der die Hauptkritikpunkte an Ratingagenturen auf den Punkt bringt. Hier einige Auszüge:

„Es ist schon erstaunlich, was Ratingagenturen mit Verve so über den Zustand ganzer Länder von sich geben – in einer einzigen Note. Da ist Griechenland seit über einem Jahr vom Markt genommen, und vor lauter Panik kauft ohnehin kein Mensch mehr freiwillig griechische Anleihen. Trotzdem notet Standard & Poor’s weiter vor sich hin: Jetzt wurde Griechenland von Schrott- auf Noch-mehr-Schrott-Niveau herabgestuft. Und die schweifende Erklärung könnte auch vom Stammtisch kommen. Die neue Note heißt bei der Agentur „CCC“. Das haben sonst nur Länder wie Jamaika und Pakistan, gegenüber denen Griechenland – ganz im Ernst – hoch entwickelt ist.“

Wissen wie Tante Erna:

„Als die Krise um Griechenland Ende 2009 losging, urteilte S&P noch, dass man Griechenland von „A-“ auf niedliches „BBB+“ herunterstufen müsse – und dass dessen Zukunft davon abhänge, ob die griechische Regierung einen detaillierten Konsolidierungsplan vorlegt und umsetzt … Dann hat die Regierung genau die Reformen durchgezogen, die EU und Internationaler Währungsfonds wollten. Das Ergebnis: Jetzt hat Griechenland bei denselben Agenturclowns die mieseste Note „CCC“ …

In Wirklichkeit hat das Konsolidieren zum Einbruch von Konjunktur und Steuereinnahmen geführt – was die Ratingagenturen vollkommen falsch prognostiziert hatten. Es sind jedoch die Griechen, die nun dafür zahlen müssen, nicht die Agenturen.

Natürlich gibt es unzählige Klauseln in Verträgen, die irgendwelche Fonds und Notenbanken an die Noten der Ratingagenturen binden. Nur ist das inhaltlich keine Existenzbegründung. Das wäre es nach gängiger Marktlehre nur, wenn die Agenturbeschäftigten mehr wüssten als der Markt …

Der Wissensvorsprung der Agenturen mag bei Branchen- und Unternehmensratings gelegentlich der Fall sein. In den meisten Fällen ist es im Informationszeitalter gleich doppelter Unsinn. Erstens haben die Agenturen keinen wirklichen Vorsprung, wie die Fehlurteile zu den Subprime-Risiken vor Ausbruch der Finanzkrise gezeigt haben. Ebenso wie der Fall Griechenland: Die ersten Herabstufungen kamen, als selbst Tante Erna gehört hatte, dass Griechenlands Staatsdefizit 2009 höher war als vorher ausgewiesen.“

Total daneben:

„Zweitens zeigt sich spätestens bei Beurteilungen von Staaten, wie unmöglich solche Urteile eigentlich sind. Schon weil es keinen Einheitsindikator gibt, der ein Land misst. Im Grunde geht es bei Staatsanleihen darum, zu beurteilen, wie gut es einem Land gelingen wird, das Geld in fünf oder zehn Jahren an den Anleger zurückzuzahlen … Auf zehn Jahre kann das in Wahrheit niemand auch nur ansatzweise wissen, wie Dutzende unvorhergesehene Wirtschaftswunder und abrupte Krisen zeigen – da hilft auch kein vermeintlicher Informationsvorsprung.

Klar lässt sich sagen, dass Griechenland mehr Probleme hat als Deutschland. Die Exaktheit, die Ratingagenturen mit ihren dreistelligen Buchstäbchen vorgaukeln, ist aber hochgradig grotesk. Das funktioniert nur, wenn alle wie die Schäfchen dran glauben. Ob dieses oder jenes Konsolidierungspaket am Ende wirkt (oder die Konjunktur abwürgt), ist selbst unter Ökonomen bekanntlich umstritten. Irlands Radikalkur galt bis Sommer 2010 noch als vorbildlich. Im Herbst musste das Land unter den Rettungsschirm. Da kann man auch würfeln, statt Agenturen zu fragen.

… das Absurde bei Staatsanleihen ist: Die Einflussfaktoren sind so beliebig definierbar, dass sich nachher immer ein Grund findet, warum ein Land plötzlich unter Marktbeschuss steht. Es gibt ja täglich neue Indikatoren. Seit das Vertrauen in Irland kippte, heißt es, dass das am Gewicht der Banken liege – als sei das vorher nicht bekannt gewesen. In Griechenland wächst umgekehrt gerade der Export zweistellig – passt nur nicht ins Bild.

Fahrlässige Politik:

Es hat etwas Fahrlässiges, wenn Politiker so wackligen Urteilen überforderter Finanzmärkte und Agenturen hinterherlaufen, wie es Bundesregierung und EU-Kommission noch tun. Ob ein Sparpaket gut ist oder falsch, muss in einer Demokratie am Ende die gewählte Regierung entscheiden und gegenüber ihren Wählern verantworten – nicht Agenturclowns. …

Die Schlussfolgerung:

Es wäre dringend an der Zeit, Ratingagenturen aus Klauseln zu verbannen, in denen irgendwelche Anlageentscheidungen oder Garantien davon abhängig gemacht werden, welche Noten Pseudopropheten für ganze Staaten und ihre Menschen vergeben. Das könnte manchen Unsinn erübrigen …

Linktipps zum Thema Rating Agenturen:

BEIGEWUM: „Rating Agenturen – wozu noch?“ Eine hervorragende und fundierte Kritik an Ratingagenturen als „Ideologieapparte“ von Werner Raza, bereits am 16. Mai 2010 publiziert

FORMAT: „Wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch“ über das Schicksal von Euro Schuldenstaaten urteilen“, Beitrag in Format vom 7. Juni 2011 über die Macht von Ratingagenturen

Financial Times Deutschland: „Stoppt die Ratingclowns“, Beitrag von Thomas Fricke vom 17. Juni 2011

Wiener Zeitung: „Ratten-Agenturen“, Leitartikel von Reinhard Göweill vom 14. Juni 2011

Der Standard: „Rating-Agenturen zurückdrängen“, Interview mit Helene Schuberth, Ökonomine OeNB vom 20. März 2009

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