Sozialbericht 2011 – 2012 (Teil 1), „funktionale“ Einkommensverteilung in Österreich: einige Zahlen, Daten, Fakten

Entwicklung Lohnquote

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Hinsichtlich der „funktionalen“ Einkommensverteilung – also der Verteilung von Lohn- und Gewinn-/Vermögenseinkommen in einer Volkswirtschaft – gelten Lohn- und Gewinnquote als entscheidende Bestimmungsgrößen. Diese geben den %-Anteil der jeweiligen („Faktor-„)Einkommen am gesamten Volkseinkommen an und geben Information darüber, wie sich die Einkommensanteile in einer Volkswirtschaft über einen Zeitabschnitt hinweg entwickeln.

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Lohneinkommen bleiben hinter Kapitaleinkommen zurück

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2000 bis 2010 wuchs das Volkseinkommen (alle Arbeitsentgelte sowie Gewinn- und Vermögenseinkommen) im Durchschnitt um 3,4 % pro Jahr. Dabei wuchsen die ArbeitnehmerInneneinkommen mit 2,9 % unterdurchschnittlich, Gewinne und Einkommen aus Vermögen mit 6,6 % weit über dem Durchschnitt. Lediglich mit dem krisenbedingten Konjunktureinbrüchen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts (2005 – 2010) lagen die ArbeitnehmerInnenentgelte mit  einem durchschnittlichen Jahresplus von 3,6 % über jenem der Gewinn- und Vermögenseinkommen mit  2,6 %. 20120 (+ 11,9 zu + 2,1 %) 2011 zogen die Kapitaleinkommen im Vergleich zu den Arbeitseinkommen allerdings wieder kräftig an (8,4 % zu 3,9 %).
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Insgesamt stiegen Unternehmens- und Vermögenserträge von 2000 bis 2010 um 56 % zu, während ArbeitnehmerInnenentgelte mit einem plus von 33 % deutlich – auch hinter dem Wirtschaftswachstum insgesamt (BIP 2000 – 2010: + 37 %) – zurückblieben.

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Sinkende Lohnquote

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Im Vergleich zu ihrem Höchstwert 1994 (75,7 %) ist die unbereinigte Lohnquote – also der Lohnanteil, die ArbeitnehmerInneneinkommen am Volkseinkommen ) um über acht Prozentpunkte auf 67,3 % (2011) gefallen. Die Lohnquote unterliegt seit den 70er Jahren (kurzfristige „Ausreißer“ sind die Krisenjahre mit massiven, aber nur kurz anhaltenden Einbrüchen bei Gewinnen) einem fallenden Trend.  Im Gegenzug zu Löhnen und Gehältern ist der Anteil  von Gewinnen und Vermögen am Volkseinkommen deutlich gestiegen. Es hat also ein Umverteilung von „Arbeit“ zu „Kapital“ stattgefunden.
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Als Ursachen für diese „Umverteilung“ benennt der Sozialbericht:
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  • steigende Arbeitslosigkeit und damit sinkende gewerkschaftliche Verhandlungsmacht
  • daraus folgend hinter dem Produktivitätswachstum zurückbleibende Löhne
  • Flexibilisierte Arbeitsmärkte – also die Zunahme atypischer und prekärer Beschäftigungsformen, Ausgliederungen etc.
  • die fortschreitende Globalisierung – Gewinn- und Vermögenseinkommen profitieren in hoch entwickelten Ländern stark von Internationalisierungsprozessen (in Österreich z.B. seit Mitte der 90er Jahre insbesondere von der „Ostöffnung“)

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Nettolohnquote zeugt von zunehmender Abgabenlast für ArbeitnehmerInnen

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Die Lohnquote („Brutto“-Lohnquote) misst die Primärverteilung („Markt“-Verteilung), also den Anteil der „Faktoreinkommen“ (der „Produktionsfaktoren“ Arbeit und Kapital, Anm.) am Volkseinkommen. Die Nettolohnquote bezieht die „staatliche“ Umverteilung in die Betrachtung ein. Aus dem Verhältnis zwischen Nettolohnsumme – also alle Löhne und Gehälter abzüglich der Sozialversicherungsbeiträge und der Lohnsteuer – und dem Volkseinkommen nach Abzug aller Sozialabgaben und direkten Steuern (veranlagte Einkommens- und Körperschaftssteuer) ergibt sich die Nettolohnquote.
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Sind Nettolohnquote und Bruttolohnquote gleich hoch ergibt sich eine gleich hohe Steuer- und Abgabenbelastung von ArbeitnehmerInnen- und Kapitaleinkommen (Gewinne, Zinseinkommen, Einkommen aus Vermietung und Verpachtung etc.). Ist die Nettolohnquote allerdings niedriger als die Bruttolohnquote, so wird Arbeit höher besteuert als Kapital.
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So lag die Nettolohnquote 1995 etwa bei 68,1 % (also das Verhältnis der Nettolohneinkommen – Löhne abzüglich Sozialabgaben und Lohnsteuer zu Nettovolkseinkommen – also gesamtes Volkseinkommen abzüglich entsprechender Steuern und Abgaben). Die Differenz zur Bruttolohnquote von 6,1 % (die Lohnquote lag also bei 74,2 %) zeigte damals schon, dass die Abgabenlast auf Arbeit deutlich höher war, als jene auf Kapitaleinkommen.
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In den Folgejahren hat sich diese Abgabenbelastung allerdings noch weiter zu Lasten der Arbeitseinkommen verschoben: 2011 lag die (bereinigte) Nettolohnquote mit 58,4 % um 8,7 % unter der (bereinigten) Bruttolohnquote („bereinigte“ Lohnquoten berücksichtigen die Verschiebung des Anteils der unselbständig Beschäftigten an den Erwerbstätigen gegenüber dem Vergleichs-/Basisjahr, Anm.).

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Entwicklung Brutto- und Nettolohnquote. Grafik: BMASK, Sozialbericht 2011 - 2012, S 222

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Schlussfolgerungen aus diesen Entwicklungen im Sozialbericht:
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„Die Verschiebung des Volkseinkommens zu Lasten den Lohnanteils impliziert unterschiedliche gesamtwirtschaftliche Folgen. Das mit dem Rückgang der Lohnquote verbundene Sinken der relativen Lohnstückkosten führt dazu, dass sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert und die Exportnachfrage belebt wird … Dies bewirkt die Schaffung weiterer Arbeitsplätze, die wesentlich zu erhöhten Konsumausgaben beitragen und somit auch die Binnennachfrage fördern und stützen.

Im Gegensatz dazu können Verschiebungen des Volkseinkommens zu Lasten des Lohnanteils zu einer Abschwächung der Konsumnachfrage der privaten Haushalte führen. Da die Konsumneigung aus Lohneinkommen jene aus Gewinn- und Vermögenseinkommen übersteigt, kann ein Sinken der Lohnquote eine geringere Konsumnachfrage zur Folge haben …

Ein verminderter Lohnanteil im Volkseinkommen dämpft den Staatsausgabenmultiplikator, was in der folge die Effektivität expansiver fiskalpolitischer Maßnahmen in Zeiten wirtschaftlicher Anspannungen unterminiert.“

 

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Link: Sozialbericht 2010 – 2011 des BMASK

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