Wahl der KandidatInnen: Situationsbericht von Rudi Haberler

ein spannend-interessanter Bericht, wie sich
das so anfühlt und wie mensch das erlebt:
die gemeinsame Listenerstellung für eine Wahl

Ich habe das Arbeiten im Vorfeld der AK-Wahl immer sehr genossen. Dieses gemeinsame Erarbeiten des Wahlkampfprogrammes, das Abklopfen der Standpunkte mit anschließender Diskussion und die abendlichen Umtrünke …
Es hat mir wirklich Freude bereitet bei den bundesweiten Treffen dabei sein zu können – von der ersten Zugfahrt bis zum Zählen der Wörter, damit die Aussagen auch in den Wahlkampf-Folder passen.

Deshalb war es für mich völlig klar, dass es eigentlich absolut egal ist, an welche Stelle ich als Kandidat für die AK-Wahl gewählt werde und ich habe mir ehrlich gesagt über die Wahl selber so gut wie gar keine Gedanken gemacht.

Zur Wahl schlurfte ich dann im Wachkoma und war mehr als glücklich, dass der dort ausgeschenkte Kaffee, seinen Namen auch verdiente und nicht nur eine Bohne im Vorbeiflug gesehen hatte, denn der Vorabend war ein feuchter gewesen und hatte sich bis in die Morgenstunden verlängert.

Viele bekannte Gesichter, jede Menge Hände schütteln, die KanditatInnenliste durchblättern und mit den Sitznachbarn plaudern – dann dröhnte Markus durch das Mikro und der Wahltag begann.

Wir wären nicht die AUGE/UG, wenn am Beginn nicht eine Diskussion gestanden hätte – die (auch nicht überraschend) mit einem Kompromiss endete.

Obwohl ich in meiner Zeit als Schauspieler ja doch ein wenig Erfahrung gemacht habe im Sprechen vor vielen Menschen, so war es doch meine Vorstellung vor allen Anwesenden, wo ich das erste Mal aufgeregt war. Wohl weil mir da erst so wirklich bewusst wurde, dass es sich hier um ein Bewertungsverfahren handelt – und ich dabei dann auch bewertet werden würde.

Die ersten KanditatInnen waren nun wirklich kein Problem. Es war für mich, wie für die meisten anderen recht klar, wer da wo seinen/ihren Platz hat. Schön langsam wurde mir dann auch klar, dass sich die Säulengerechtigkeit, die vom Wahlkampfprozedere ja nicht vorgeschrieben war, durch das Wahlverhalten von alleine ergab…

Nach der Wahl der ersten zehn Listenplätze bemerkte ich dann plötzlich so ein leichtes Ziehen in der Magengegend und mir wurde bewusst, dass es mir doch nicht mehr so egal war, an welche Stelle ich selbst gewählt werden würde.
Ein Teil vor mir beobachtet mich mit einem leicht sarkastischem Lächeln und meinte: „Aha – und was ist aus deiner Überzeugung: „Mir ist egal ob und an welche Stelle ich gewählt werde.. Wir haben so viele gute Leute, die das mindestens so gut wie ich, wenn nicht besser machen können“ geworden?
Ich drängte diese Lästige Stimme in den Hintergrund und schlurfte wieder einmal zum Kaffeespender, um mich mit Koffein und Nikotin zu versorgen.

Ab Platz 12 ging das aber dann nicht mehr – mir wurde klar, dass dieses Bewertungsverfahren meinem Ego einen Tritt versetzt hatte – und selbiges darauf mit einem „Na wir werde schon noch sehen, ob ich nicht doch auf einen wählbaren Listenplatz gewählt werde“ geantwortet hatte.
Ein Teil von mir war sich nach wie vor bewusst, dass es in Wahrheit nicht wichtig war – weil wir wirklich einfach die Intelligenten sind und jeder von uns einen guten AK-Rat abgeben würde. Doch ein anderer Teil wollte auf einmal unbedingt unter die ersten 15 kommen und dem war es dann auch plötzlich gar nicht mehr egal dass es da nur mehr 3 KandidatInnen zu wählen gab.

Meine Sitznachbarin meinte: „Oh, wir haben dich ja noch gar nicht untergebracht!“. Ich grinste brav – und holte mir einen weiteren Kaffee. Dort spendete mir dann jemand Trost mit den Worten: „Jetzt wirst sicher du gewählt!“ Ich schluckte tapfer und dackelte wieder zu meinem Platz. Die Wahl des Listenplatzes Nummer 13 brachte mir Herzklopfen – und ein „Leider Nein“ ein – und der Kaffee war schon wieder leer. Verwundert starrte ich in die leere Tasse – war da drinnen irgendwo ein kleines schwarzes Loch? Also wieder auf und zur Refill-station. Ein paar Augen sah mich am Weg dahin seltsam an. Ich blieb stehen und sie umarmte mich und flüsterte: „Ach, es tut mir so leid. Ich wollte ja dich wählen, aber ich musste, … Du weißt eh’, sonst wäre unsere Säule unterrepräsentiert gewesen, ….“ Ich blickte in diese traurigen Augen und sagte: „Na jetzt mach dir mal keine Vorwürfe – es passt schon.
Plötzlich wurde mir sehr deutlich bewusst, was diese Wahl mit mir machte – und offensichtlich nicht nur mit mir. Nachdenklich ging ich wieder zu meinem Platz – wählte erneut und ging eine Rauchen.
Nun wollte ich das Ergebnis nicht einmal mehr hören.

Spontane Umarmungen, Händeschütteln und es sickerte in mein Hirn, dass ich gerade gewählt worden war. Wieder am Platz sah ich meine Sitznachbarin an, die vor nicht allzu langer Zeit gemeint hatte, dass ich noch nicht „untergebracht“ worden war und musste schlucken – denn sie war es auch noch nicht. Auf einmal war da auch dieses Schuldbewusstsein – hatte ich ihr den Platz „weggenommen“?

Die Wahl des nächsten Listenplatzes war für mich wirklich schlimm – ich wollte unbedingt, dass sie diesen Platz bekam – und habe mich mehr darüber gefreut, dass sie tatsächlich gewählt wurde, als über meine eigene Wahl.

Dann wurden Fotos (www.flickr.com/photos/augeug) gemacht und die Wahl ging weiter – und irgendwie war ich plötzlich sehr müde. (Mich hat diese Wahl jedenfalls gelehrt, dass die eigene Bewertung auch meinen Ehrgeiz weckt und mein Ego positiv bewertet werden möchte – und ich auf jeden Fall dann so gar nicht mehr „drüber steh“.
Dass es nicht nur mir so gegangen ist, haben mir dann mehrere Gespräche gezeigt. Es war für mich in letzter Konsequenz keine sehr angenehme Erfahrung – aber eine lehrreiche. Ein Bewertungsverfahren ist ein zweischneidiges Schwert – ich werde mich, wenn es sein muss, auch weiterhin solchen teils nicht sehr angenehmen Erfahrungen stellen. Lieber hätte ich aber eine Alternative – eine, wo das Ergebnis aus einer gemeinsamen Diskussion entsteht. Das würde zwar die Angelegenheit ziemlich sicher zeitlich sehr verlängern – aber ich würde mich wohl viel wohler dabei fühlen.

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