Wie geht’s Österreichs ArbeitnehmerInnen? (I)

wie_gehts_oe„Wie geht’s Österreich?“ Diese Frage versucht die Statistik Austria anhand von 30 Schlüssel- und weiterer Subindikatoren zu beantworten, die den Wohlstand, den Fortschritt und die gesellschaftliche Situation in Österreich bestmöglich abbilden sollen.

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Einen möglichst umfassenden Überblick will die Studie dabei insbesondere über die Kategorien „materieller Wohlstand“, „Lebensqualität“ und „Umwelt“ liefern. Und das gelingt „Wie geht’s Österreich?“ auch. Wer knappe, kompakte und gut aufbereitete Informationen zur sozialen Lage in Österreich sucht, wird sie hier finden. Insbesondere auch zur Situation der ArbeitnehmerInnen in Österreich bzw. zu verteilungspolitischen Fragen überhaupt. Und insbesondere auch, wenn er/sie der Frage nachgeht, wie und ob sich denn die soziale Lage über den Verlauf der Krise verändert hat.
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Definiere „materieller Wohlstand“

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Materieller Wohlstand definiert sich in der Statistik Austria-Studie entlang

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  • der Produktion, insbesondere auch an der Entwicklung der Produktivität
  • der Verteilung von Einkommen wie auch Vermögen
  • des Konsums privater Haushalte
  • des (verfügbaren) Einkommens privater Haushalte sowie
  • der unbezahlten Arbeit.

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Das Bruttoinlandsprodukt – BIP – gilt dabei nach wie vor als wichtigste volkswirtschaftliche Kennziffer zur Messung „materiellen Wohlstands“. Allerdings nur eingeschränkt, gibt das BIP doch weder Information über die ökologische Nachhaltigkeit bzw. Verträglichkeit wirtschaftlicher Entwicklunge noch über die soziale Integration. Ebenfalls nicht im BIP abgebildet ist etwa die Vermögensverteilung. Entsprechend greift  „Wie geht’s Österreich?“ auch auf andere Kenngrößen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sowie auf weitere Deatenquellen wie etwa der Vermögenserhebung der Österreichischen Nationalbank zurück um einen umfassenderen Überblick über den „Wohlstand“ in Österreich zu gewinnen.

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Produktion und Produktivität

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Besondere Bedeutung kommt dem BIP als Messgröße für die „in monetären Einheiten ausgedrückte Wirtschaftsleistung, die von gebietsansässigen produzierenden Einheiten einer Referenzperiode erbracht werden“  zu. Was immer in Österreich an Dienstleistungen und Waren innerhalb eines Jahres produziert wird, findet sich im BIP wieder. Allerdings nur solche Leistungen und Güter, für die es auch „(Markt-)Preise“ gibt. Unbezahlte Hausarbeit findet etwa keine Berücksichtigung – einer der berühmten „blinden“ Flecken des BIP.

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Gerne wird die Wirtschaftsleistung in „BIP pro Kopf“ dargestellt. Die gesamte Produktion eines Landes wird also auf die Bevölkerung einer Gebietskörperschaft aufgeteilt, um eine  Vergleichsmöglichkeit mit z.B. bevölkerungsreicheren oder geografisch größeren Volkswirtschaften zu haben.

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BIP_II

Entwicklung gesamtwirtschaftliche Produktion = BIP, 1995 bis 2013, aus „Wie geht’s Österreich?“, Statistik Austria 2014

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Betrachtet man/frau die Entwicklung des BIP seit 1995 so zeigt dieses – mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 – einen kontinuierlichen Anstieg. Im Vergleich zu 1995 beträgt das BIP pro Kopf 2013 das 1,3-fache. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist also um rund 30 Prozent gewachsen. Seit 2011 stagniert das Wachstum allerdings – als Folge der weltweiten Wirtschaftskrise.

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Von Stagnation ist daher nicht nur Österreich betroffen. EU-weit ist  das  Wirtschaftswachstum seit 2011 rückläufig um 2013 schließlich bei 0 Prozent zu liegen. Eine Schrumpfung ihrer Wirtschaft mussten  dabei  insbesondere Krisenländer wie Zypern (- 5,4 Prozent), Griechenland (- 3,9 Prozent) und Italien (- 1,9 Prozent) hinnehmen. Griechenland dabei das fünfte Jahr in Serie.

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Im EU-Vergleich lag Österreich mit einem BIP pro Kopf von 32.400 Euro nur hinter Luxemburg, den Niederlanden und Irland auf Platz 4, knapp gefolgt von Schweden und Dänemark (EU-28 Schnitt: Euro 25.100).

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In engem Zusammenhang mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung steht die Entwicklung der Arbeitsproduktivität. Gemessen wird die Produktivität dabei  an der Menge in einer bestimmten Zeit hergestellten Güter und an der Arbeitszeit, die für die Erzeugung gesellschaftlich aufgewandt wird (volkswirtschaftlich betrachtet also das erzeugte BIP je geleisteter Arbeitsstunde). Beeinflusst wird die Produktivität durch Qualifikation und Erfahrung der Beschäftigten ebenso wie durch technologische Weiterentwicklungen. Der technische Fortschritt spielt für die Entwicklung der Produktivität also eine bedeutende Rolle.

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Nicht unähnlich der Entwicklung des BIP verläuft daher die Entwicklung der Produktivität: diese ist seit 1995 ebenfalls um rund 30 Prozent gestiegen. In einer Arbeitsstunde wird heute also das 1,3-fache des Jahres 1995 produziert. Seit 1995 hat sich die Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde um jährlich durchschnittlich 1,4 Prozent gesteigert.

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Produktivitaet

Produktivitätswachstum 1995 bis 2013, aus „Wie geht’s Österreich?“, Statistik Austria 2014

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Aus ArbeitnehmerInnen- bzw. Verteilungssicht ergibt sich aus der Entwicklung der Produktion bzw. der Produktivität nun die Frage, ob die Produktivitätsentwicklung ihren entsprechenden Niederschlag in der Einkommensentwicklung gefunden hat. Ob also die ArbeitnehmerInneneinkommen entlang der steigenden Produktivität  gewachsen sind, ob die Produktivitätsgewinne auch den ArbeitnehmerInnen zugute gekommen sind. Darüber sollten die Einkommen als zweiter „Wohlstandsindikator“ Auskunft geben.

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Einkommen

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Also: Haben sich die Einkommen also analog zur Produktivität entwickelt? Die Antwort ist leider längst bekannt: Nein. Im „Median“, also in der exakten Einkommensmitte sind die inflationsbereinigten Realeinkommen der unselbständig Beschäftigten insgesamt im Vergleich zu 1995 über lange Zeit annähernd konstant geblieben, um seit 2009 sogar geringfügig zu sinken! Während die Produktivität also real um 30 Prozent gestiegen ist, mussten die ArbeitnehmerInnen im selben Zeitraum sogar Realeinkommensverluste hinnehmen! Besonders dramatisch hat es dabei das unterste Einkommensviertel – also die 25 Prozent einkommensschwächsten ArbeitnehmerInnen erwischt. Deren Realeinkommen lagen 2012 um 18 Prozent unter jenen des Jahren 1998. Selbst die Einkommen der „reichsten“ 25 Prozent unter den ArbeitnehmerInnen – stiegen im Vergleichszeitraum gerade einmal um 2 Prozent.

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Entwicklung Bruttoeinkommen 1998 bis 2012, aus "Wie geht's Österreich?", Statistik Austria 2014

Entwicklung Bruttoeinkommen 1998 bis 2012, aus „Wie geht’s Österreich?“, Statistik Austria 2014

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Als wesentliche Gründe für diese dramatische Einkommensentwicklung – insbesondere im unteren Einkommenssegment – werden dabei steigende Teilzeitquoten, wachsende Saisonarbeit aber auch „der Eintritt billiger Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt“ angeführt. So stieg etwa die Teilzeitquote seit 1998 von 15,6  auf 25,7 Prozent, während im gleichen Zeitraum die Erwerbstätigenquote insgesamt von 67,9 auf 72,3 Prozent stieg.

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Tatsächlich stellt sich die Einkommensentwicklung allerdings auch unter Ausblendung derartiger Struktureffekte am Arbeitsmarkt nicht wirklich erfreulicher dar. So wuchsen die Einkommen ganzjährig Vollzeitbeschäftigter etwa im Zeitraum von 2004 bis 2012 nur geringfügig um zwei Prozent. Die Einkommen des untersten Einkommensviertels fielen nach geringen Zuwächsen in den „Boomjahren“ bis 2008 im Verlauf der Krise wieder auf das Ausgangsniveau 2004 zurück. Die Einkommen des obersten Einkommensviertels ganzjährig Vollzeitbeschäftigter legten im selbsn Zeitraum um knapp vier Prozent zu.  Im selben Zeitraum wuchsen Produktivität wie BIP im zweistelligen Bereich.

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Entkoppelt vom Wirtschaftswachstum hat sich auch die Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen. Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte setzt sich dabei insgesamt

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  • zu knapp der Hälfte – nämlich zu 46,2 Prozent aus Einkommen aus unselbständiger Arbeit
  • zu 22,2 Prozent aus monetären Sozialleistungen (Pensionen, Familienbeihilfen, Arbeitslosengeld etc.)
  • zu 11,9 Prozent aus Sachtransfers (Gesundheitsdienstleistungen, Schule, Kindergarten usw.)
  • zu 12,6 Prozent aus Selbständigeneinkommen und
  • zu 7,1 Prozent aus Vermögenseinkommen (Zinserträge, Dividenden)

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zusammen.

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Entwicklung Haushaltseinkommen im Vergleich zur Entwicklung des BIP, aus "Wie geht's Österreich?", Statistik Austria 2014

Entwicklung Haushaltseinkommen im Vergleich zur Entwicklung des BIP, aus „Wie geht’s Österreich?“, Statistik Austria 2014

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Wuchs das BIP pro Kopf seit 1995 durchschnittlich um 1,5 Prozent pro Kopf, legte das verfügbare Haushaltseinkommen je Kopf um lediglich 0,8 Prozent jährlich zu. Oder anders ausgedrückt: während das BIP pro Kopf 2013 im Vergleich zu 1995 das knapp über 1,3-fache betrug, belief sich das verfügbare Haushaltseinkommen pro Person auf das 1,16-fache. Zwischen den Krisenjahren 2009 und 2013 fand bereits eine leicht rückläufige Entwicklung (- 0,6 Prozent/Jahr) der Haushaltseinkommen statt, 2013 fielen sie gegenüber 2012 sogar um 2,2 Prozent zurück. Zurückzuführen sind diese Einbrüche auf die schwache Lohnentwicklung einerseits sowie auf den krisenbedingten Einbruch bei den Vermögenseinkommen andererseits. So ging etwa der Anteil der Vermögenseinkommen am gesamten Haushaltseinkommen von neun Prozent 1995 auf  7,1 Prozent zurück, jener der Lohneinkommen ebenfalls geringfügig von 46,8 auf 46,2 Prozent.

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Interessant auch die Entwicklung der Nettohaushaltseinkommen – also der Einkommen nach Steuern: rund zwei Drittel des verfügbaren Haushaltseinkommens bleibt für Konsumzwecke und private Ersparnis übrig. Und: während die des verfügbaren Netto-Einkommens seit 1995 um 1,5 Prozent geschrumpft ist, sind die Anteile gezahlter Steuern und Sozialbeiträge minimal angestiegen.

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Abseits der Studie „Wie geht’s Österreich?“ hält die Statistik Austria in einer Aussendung vom 12. November 2014 zur Entwicklung der Einkommen in Österreich fest:

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  • 50,1 Prozent der ArbeitnehmerInnen sind Männer, sie beziehen allerdings 61,7 Prozent der Einkommen. Männer leisten dabei 62,1 Prozent der Sozialversicherungsbeiträg und 70,8 Prozent der Lohnsteuer. Allerdings: das mittlere Bruttomonatseinkommen (50 Prozent verdienen weniger, 50 Prozent mehr, 14 x jährlich) lag 2012 bei Euro 1.812, das mittlere Fraueneinkommen dagegen nur bei Euro 1.360, das mittlere Männereinkommen dagegen bei Euro 2.243. Bis zu einer Stufe von 11.000 Euro (steuerpflichtiges Jahreseinkommen) ist dzt. keine Steuer zu entrichten.
  • auf die „unteren“ 50 Prozent der ArbeitnehmerInnen (also AN mit einem Einkommen unter 1.812 Euro/Monat, 14 x jährlich) entfallen nur 18,4 Prozent der Bruttobezüge, aber auch nur 4,7 Prozent der Lohnsteuer. Auf die obersten zehn Prozent der ArbeitnehmerInnen entfallen 30,4  Prozent der Bruttobezüge und 50,1 Prozent der Lohnsteuer.
  • 2013 stiegen die Bruttobezüge um 2,9 Prozent, das Lohnsteueraufkommen allerdings um 4,8 Prozent. In allen Jahren seit 2000 lag das Wachstum des Lohnsteueraufkommens über jenem der Bruttoeinkommen (Ausnahmen waren Jahre mit Steuerreformen also 2000, 2005 und 2009).

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Link zur Statistik Austria, Presseaussendung und Downloadmöglichkeit: Wie geht’s Österreich?, Statistik Austria 2014

Zur Website Wie geht’s Österreich?, Statistik Austria mit Grafiken, Tabellen und Kurzanalysen

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