Wirtschaftliche Entwicklung: „Alarmierende Signale aus Arbeitswelt …“

Wie beurteilen BetriebsrätInnen als „Insider“ und „ExpertInnen“ die Auswirkungen des ökonomischen Strukturwandels auf Unternehmen und die Beschäftigten? Der „Strukturwandelbarometer 2013 – Unsere Arbeitswelt im Umbruch“ des IFES im Auftrag der AK-Wien hat 289 BetriebsrätInnen interviewt. Das wenig überraschende Ergebnis: die Arbeitswelt wird kälter und brutaler. Was die Studie allerdings auch zeigt: Mitbestimmungsrechte von BetriebsrätInnen müssen gerade auch in wirtschaftlichen Belangen dringend gestärkt werden..

Steigender Zeitdruck …

62 % der befragte BetriebsrätInnen gaben an, dass der Zeitdruck steigen würde. Besonders betroffen: Unternehmen großer Konzerne, vor allem im Telekom/IT-Bereich, im Handel sowie im Versicherungs- und Kreditwesen. Die negativen Folgen auf die Beschäftigten müssen nicht besonders erwähnt werden, interessant ist allerdings, dass 53 % der Befragten davon sprechen, dass das „immer enger geschnürte“ Zeitkorsett auch negative Folgen für den Betrieb hätte.

.

In der Studie heißt es dazu:

.

„Aus Sicht der ArbeitnehmerInnenvertretung dürfte es sich dabei um eine Abwärtsspirale handeln: Personaleinsparungen führen zu erhöhtem Zeitdruck für die übrige Belegschaft, für die es immer schwieriger wird, die Qualitätsvorgaben zu erfüllen, was sich langfristig wiederum nachteilig auf die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens auswirkt.“

.

… und höhere Flexibilitätsanforderungen …

Parallel mit steigendem Zeitdruck steigt der  Flexibilisierungsdruck in den Unternehmen: in 61 % der Betriebe sind die Flexibilisierunganforderungen in letzter Zeit gestiegen, wobei „die Dynamik besonders im Handel hervor sticht“. Passend zur laufenden Debatte um eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit („12-Stunden-Arbeitstag“ a la ÖVP): Wird aus einer „betriebswirtschaftlichen“ Sichtweise die zunehmende Flexibilität mehrheitlich positiv bewertet (46 % zu 33 %, Ausnahme Handel: hier werden auch die wirtschaftlichen Folgen zu 58 % negativ gesehen), bringt der Flexibilitätsdruck zwei Dritteln der Beschäftigten Nachteile (Vorteile: 10 %).

.

… verschlechtern Betriebsklima

Als Folge des steigenden Arbeits- und Flexibilisierungsdrucks hat sich das Betriebsklima in 35 % der Unternehmen verschlechtert – besonders in Betrieben der IKT-Branche und einmal mehr im Handel. Die AutorInnen des Strukturbarometers führen dazu aus:

 

„Dass diese Entwicklung massive negative Auswirkungen auf die Beschäftigten hat, erklärt sich von selbst. Interessant sind darüber hinaus die Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens: 83 % der befragten BetriebsrätInnen sehen darin betriebswirtschaftliche Nachteile. Damit ist ein gutes Betriebsklima nicht nur ein angenehmer Nebeneffekt, sondern vielmehr ein wichtiger Beschäftigungsfaktor.“

.

Work-Life wenig ausbalanciert

In Europa sind laut „Europäischer Erhebung über die Arbeitsbedingungen“ (EWCS) nur 18 % der europäischen Werktätigen mit ihrer Work-Life-Balance zufrieden. Daran wird sich – auch laut Strukturbarometer – nicht wirklich etwas zum Positiven verändern. 81 % der BetriebsrätInnen sehen eine konstant gebliebene Work-Life-Balance, 15 % sogar eine Verschlechterung. Im Handel hat sich das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Lebenszeit sogar in jedem vierten Betrieb verschlechtert. Positiv sei allerdings auch zu vermerken, so der Bericht, dass es „in dieser Branche überdurchschnittlich oft zu Verbesserungen gekommen ist. Einige Unternehmen dürften sich also der Problematik bewusst wein und entsprechende Maßnahmen setzen.“

.

Weiter steigende Teilzeit

Eine klare Zunahme ist bei der Teilzeitbeschäftigung zu verzeichnen: in 22 % der Betriebe nahm Teilzeitarbeit zu vor allem in den „klassischen Frauenbranchen“ Handel und Soziales/Gesundheit. Fragt man/frau die BetriebsrätInnen, wer denn eher von Teilzeit profitiert – die Beschäftigten oder die Unternehmen, sehen aus einer betriebswirtschaftlichen Sicht 33 % der Befragten die Forcierung von Teilzeit als Vorteil, aus Beschäftigtensicht allerdings schon nur noch 25 %. 37 % der BetriebsrätInnen sehen die Folgen von Teilzeit für die Beschäftigten eher negativ.

.

Leiharbeit im „Umbruch“

Bei der Leiharbeit zeigt sich ein ausgewogenes Verhältnis: während in 20 % der Unternehmen befragter BetriebsrätInnen mehr Leiharbeitskräfte beschäftigt sind als noch vor einem halben Jahr, sind es in 19 % der Betriebe weniger. Dort wo Leiharbeit verringert wurde , „… wird dies eher als vorteilhaft sowohl für die betriebswirtschaftliche Performance als auch für die Belegschaft gesehen.“ Wird aus betriebswirtschaftlicher Sicht seitens der BetriebsrätInnen bei  Zunahme von Leiharbeit noch ein ökonomisch „neutraler“ Effekt angenommen, werden die Folgen für Beschäftigten klar negativ gesehen (Nachteile überwiegen: 47 %, Vorteile überwiegen: 12 %).

.

Welle an Ausgliederungen

In jedem vierten Unternehmen wurden in letzter Zeit Leistungen bzw. Tätigkeiten ausgegliedert und fremdvergeben („outsourcing“). Beinahe 50 % der BetriebsrätInnen verbinden damit negative Erfahrungen für die Beschäftigten. Allerdings ist auch das Urteil der BetriebsrätInnen hinsichtlich der wirtschaftlichen Auswirkungen von Ausgliederungen geradezu vernichtend. Im Bericht wird dazu ausgeführt:

 

„Fast die Hälfte (46 %) sieht in Auslagerungen Nachteile für die wirtschaftliche Entwicklung des Betriebes (21 % Vorteile). Die Gefahr, dass es zu betriebswirtschaftlich und beschäftigungspolitisch nachteiligen Auslagerungen kommt, ist bei (internationalen) Konzernen eher gegeben als bei (österreichischen) Einzelunternehmen.“

 

Die Verlagerung von Geschäftsfeldern bzw. Betriebsteilen ins Ausland (sie fand in 12 % der Unternehmen statt) wird aus betriebswirtschaftlicher Sicht von 35 % der BetriebsrätInnen als nachteilig (vorteilhaft: 18 %) gesehen, aus Sicht der Beschäftigten gleich zu 62 % negativ (Vorteile: 3 %). In der Studie heißt es:

 

„In engem Zusammenhang steht damit eine eher pessimistische Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens, was nicht überrascht, wenn man die oftmaligen negativen Konsequenzen des Filetierens von Betriebsteilen bedenkt.“

.

Manager: zwiespältige „Leistungen“

Während die Leistung des Management hinsichtlich der wirtschaftlichen Performance des Unternehmens überwiegend positiv (77 %  zu 23 %) gesehen wird, fällt das Urteil im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen deutlich kritischer aus. Da ist gleich nur noch die Hälfte  der BetriebsrätInnen mit der Unternehmensführung zufrieden (49 % zu 49 %):

 

„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass bei Managemententscheidungen oft einzig das wirtschaftliche Kalkül im Vordergrund steht. Um den bestmöglichen betriebswirtschaftlichen Nutzen zu erzielen, werden vielfach negative Auswirkungen auf die Belegschaft in Kauf genommen.“

 

Nach wie vor dominiert also der „Shareholder Value“.

.

Strukturwandel: And the winner is ….

Für die Umsatz- und Gewinnsituation ihrer Unternehmen sieht eine Mehrheit der befragen BetriebsrätInnen eine eher rosige denn dunkle Zukunft. Ganz anders sieht es dagegen bei der Beschäftigtensituation aus: 27 % der BetriebsrätInnen gehen von einem weiteren Beschäftigtenrückgang aus, nur 21 % der BelegschaftsvertreterInnen erwarten einen Beschäftigtenzuwachs. Betriebswirtschaftlich wie hinsichtlich des Personalstands schwarz sehen dagegen die BetriebsrätInnen in der krisengeschüttelten Finanzbranche: hier überwiegen die PessimistInnen. Die  Gewinnentwicklung wird von über 50 % der  BetriebsrätInnen negativ eingeschätzt.

Werden strukturelle Veränderungen von der Mehrheit der BetriebsrätInnen insgesamt als „notwendiges Übel für die positive Entwicklung des Unternehmens“ akzeptiert, machen sich die ArbeitnehmerInnenvertreterInnen keine besonderen Illusionen über die Profiteure. Das sind ganz klar EigentümerInnen und Unternehmen: saus BR-Sicht gewinnen zu 49 % die EigentümerInnen, zu 43 % die Unternehmen „stark“ vom Strukturwandel, weitere 37 % der EigentümerInnen (44 % der Unternehmen) „etwas“. Dass EigentümerInnen und Unternehmen „gar nicht“ bzw. „kaum“ profitieren glauben dagegen nur 14 % (EigentümerInnen) bzw. 12 % (Unternehmen) der Belegschaftsvertreterinnen.

Praktisch entgegengesetzt verhält es sich bei den Beschäftigten und bei der Volkswirtschaft: hier glauben nur 12 %, dass diese beiden „Stakeholder“ vom Strukturwandel „sehr“ profitieren (34%  bzw. 30 % etwas). Dagegen sind 57 % davon überzeugt, dass ArbeitnehmerInnen von strukturellen Änderungen „gar nicht“ bzw. „kaum“ profitieren. Ebensolches gilt für die Volkswirtschaft: 16 % gehen davon aus, dass der Strukturwandel der Volkswirtschaft „gar nicht nutzt“ weitere 37 % sehen „kaum“ positive Effekte für die Gesamtökonomie.

.

Strukturwandel braucht Mitbestimmung

Wie der betriebliche Strukturwandel seitens der BetriebsrätInnen wahrgenommen wird, hängt dabei zentral von Entscheidungssstrukturen und Spielräumen der Belegschaftsvertretungen ab. Der Bericht:

 

„Es zeigt sich, dass die Bewertung des betrieblichen Strukturwandels sowohl in wirtschaftlicher als auch in beschäftigungspolitischer Hinsicht dann signifikant schlechter ausfällt, wenn die Entscheidungskompetenz außerhalb des Unternehmens z.B. bei einer (anonymen) Konzernmutter liegt. Das Fehlen eines budget- und entscheidungskompetenten Gegenübers untergräbt  den Handlungsspielraum des Betriebsrats, wodurch es immer schwieriger wird, Veränderungsprozesse in Unternehmen zu steuern, zu kontrollieren oder wenn notwendig, zu verhindern.“

 

Die große Bedeutung von  Mitbestimmungsmöglichkeiten im Unternehmen auf die Bewertung des Strukturwandels – und den damit verbundenen Erfolg hinsichtlich wirtschaftlicher Performance, Arbeitsbedingungen und damit Betriebsklima- findet darin seinen Beleg, dass dort …

 

„…, wo die betriebliche Mitbestimmung … einen Aufschwung erlebt hat, … die BetriebsrätInnen lediglich rund ein Fünftel der Veränderungen im Hinblick auf ihre KollegInnenschaft für nachteilig (halten), mehr als die Hälfte jedoch für vorteilhaft. Wenn der reale Einfluss der Interessensvertretung jedoch zurückgedrängt wurde, werden nur mehr 9 % der Veränderungen positiv, aber mehr als zwei Drittel (69 %) negativ beurteilt. Ähnlich differenziert bewerten die BetriebsrätInnen die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen des Strukturwandels, je nachdem, wie sich ihre Gestaltungsspielräume entwickelt haben. Die Belegschaftsvertretungen fühlen sich mitverantwortlich und sehen sich in der Lage, die notwendigen strukturellen Veränderungen so zu steuern, dass die Nachteile für das Unternehmen, aber auch für die MitarbeiterInnen möglichst minimiert werden.“

 

Die Stärkung sowie der Ausbau betriebsrätlicher Mitbestimmungsrechte – gerade auch in wirtschaftlichen Fragen wie Ausgliederungen, Gewinnverwendung und Investitionen – ist also nicht nur aus grundsätzlich wirtschaftsdemokratischen Überlegungen dringend notwendig  – sondern mach nicht zuletzt auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht Sinn. Das sollte all jenen UnternehmerInnen und EigentümerInnen zu denken geben, denen es im Betrieb gar nicht autoritär genug zugehen kann …

 

Link: Strukturwandelbarometer 2013, Studie des  IFES, im Auftrag der AK Wien

 

Dein Kommentar: