Initiative „Arbeitszeitverkürzung Jetzt!“- Kampagne für 30-Stunden-Woche in der BRD

„Arbeitszeitverkürzung gehört wieder auf die Tagesordnung. Anders sind große gesellschaftliche Probleme wie Massenarbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung nicht zu lösen. Wir brauchen eine neuen Arbeitszeitstandard von etwa 30 Stunden pro Woche.“

So beginnt der Aufruf der bundesdeutschen Initiative „Arbeitszeitverkürzung Jetzt!“, der u.a. von Attac (AG ArbeitFairTeilen), alternativen ÖkonomInnen und SozialwissenschafterInnen, der AG Alternative Wirtschaftspolitik (Memo-Gruppe, die Schwesterorganisation des BEIGEWUM in der BRD), von GewerkschafterInnen, kirchlichen ArbeitnehmerInnenorganisationen u.a. zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen unterstützt wird.
Weiter im Aufruf:

„Diese ‚kurze‘ Vollzeit ist nicht statisch, sondern nach persönlichen und beruflichen Situationen variierbar (Erziehungszeiten, Projektarbeit, Weiterbildung etc.), muss aber im Durchschnitt erreicht werden. Nach volkswirtschaftlichen Berechnungen ist mit dieser neuen Normalarbeitszeit Vollbeschäftigung wieder herstellbar. Diese ‚Vollbeschäftigung neuen Typs‘ ist möglich und nötig, weil die Produktivität kontinuierlich steigt.“

Inhaltliche Grundlage der Kampagne ist neben dem vierseitigen Aufruf „Arbeitszeitverkürzung Jetzt!“ ein neunzehnseitiges „Manifest zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit“, das neben einer Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden wöchentlich auch den Ausbau öffentlicher Beschäftigung fordert. Verfasser des Manifests sind die beiden Professoren Dr. Heinz-J. Bontrup und Dr. Mohssen Massarrat.
Dass die Diskussion um eine Verkürzung der Arbeitszeit – nicht nur zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, sondern auch um Zeitwohlstand zurückzugewinnen und arbeitszeit- und druckbedingte Erkrankungen – wie z.B. Burn Out – zurückzudrängen inzwischen auch in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist, zeigt u.a. die durchaus freundliche Rezension der Initiative in einem Beitrag in der liberalen deutschen Wochenzeitschrift DIE ZEIT .
Dass sie mit ihrer Forderung nach einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung auch durchaus den Nerv vieler ArbeitnehmerInnen treffen, schließen die AktivistInnen und kritischen WissenschafterInnen aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung :

  • Demnach wollen unselbständig beschäftigte Männer in Ost- wie Westdeutschland kürzere Arbeitszeiten, als tatsächlich geleistet werden, nämlich rund 39 Wochenstunden, der „Arbeitszeitwunsch“ von Frauen liegt bei knapp über 30 Wochenstunden.
  • Vollzeit beschäftigte Frauen wünschen demnach (2007) Arbeitszeiten von 36,8 (Westdeutschland) bzw. 37,4 Wochenstunden (Ostdeutschland).
  • Die Wunscharbeitszeit Vollzeit Beschäftigter Männer liegt in Westdeutschland (2007) bei knapp unter 40 Stunden wöchentlich , in Ostdeutschland bei knapp über 40 Stunden. Tatsächlich wurden in Ostdeutschland von Vollzeit beschäftigten Männern im Jahr 2007 45,6 Wochenstunden, in Westdeutschland rund 44,7 Wochenstunden gearbeitet.

Jedenfalls: längere Arbeitszeiten werden von Männern deutlich weniger gewünscht als von Teilzeit beschäftigten Frauen.

Arbeitszeitdiskussion auch in Österreich

Auch in Österreich wurde zuletzt wieder über Arbeitszeiten bzw. deren Verkürzung bzw. deren gerechteren Verteilung diskutiert: die SPÖ-Frauen starteten eine Kampagne gegen die „Teilzeitfalle“, in der SPÖ erscheint nun endlich eine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung – wenn auch auf bescheidenen 38,5 Wochenstunden – diskussionswürdig. Was wiederum sofort wieder ÖVP, Wirtschaftsbund und Industriellenvereinigung auf den Plan gerufen hat, die gleich einmal das Ende der Welt, und wenn schon nicht dieses, dann zumindest das Ende des Wirtschaftsstandorts Österreichs heraufdämmern sehen, wenn von Arbeitszeitverkürzung die Rede ist.
Wie dem auch sei: uns als AUGE/UG kann es nur freuen, dass wir mit unserer „spinnerten“ Forderung nach einer 30-Stunden-Woche mit Einkommens- und Beschäftigungsausgleich nicht mehr alleine dastehen und diese radikale Arbeitszeitverkürzung immer mehr Unterstützung auch aus dem wissenschaftlichen Umfeld erfährt. Verweisen möchten wir in diesem Zusammenhang auf unsere Arbeitszeitkampagne aus dem Frühjahr 2005 – vieles von dem damals geschriebenen hat heute noch Gültigkeit.
In diesem Sinne wünschen wir der Initiative „Arbeitszeitverkürzung Jetzt!“ viel Erfolg – und eine entsprechende Wirkung auch auf Österreich. Wir wären jedenfalls dabei …
.
Link:
ATTAC Deutschland Kampagne Arbeit fairteilen, mit dem Aufruf „Arbeitszeitverkürzung Jetzt“ sowie dem „Manifest zur Überwindung von Arbeitslosigkeit“
AUGE/UG Arbeitszeitkampagne, Frühjahr März 2005, „Arbeit FAIRkürzen. ArbeitFAIRteilen“

Kommentar zu „Initiative „Arbeitszeitverkürzung Jetzt!“- Kampagne für 30-Stunden-Woche in der BRD“

  1. ulf sagt:

    „Die Gesamtrechnung sieht folgendermaßen aus:
    Berechnung der güterwirtschaftlich notwendigen Wochenarbeitszeit
    in Arbeitsstunden pro Woche
    Alter Zustand im Kapitalismus
    40.0
    ./. Überflüssige, durch Geldwirtschaft und Eigentum bedingte Tätigkeiten
    -21.4
    Notwendige Arbeit I
    18.6
    ./. Einsparung durch verlängerte Lebensdauer der Gebrauchsgüter
    -6.2
    ./. Einsparung durch andere Strukturen
    -2.3
    ./. Einsparung durch geringeren Energieverbrauch
    -0.3
    Notwendige Arbeit II (bei gleicher Technologie, gleicher Anzahl von Erwerbspersonen)
    9.8
    ./. Einbeziehung aller Arbeitswilligen
    -2.9
    ./. Ausweitung der Automatisierung
    -2.0
    Notwendige Arbeit in der Zukunftsgesellschaft
    4.9“
    aus dem Artikel „Die Fünf_Stunden-Woche“ von Guenther Sandleben, zu lesen hier: https://www.proletarische-briefe.de/?p=288

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