Kollektivverträge: Gehaltsabschlüsse im Aufwind


Albert Steinhauser, AUGE/UG

2020 war ein Jahr sehr zurückhaltender Gehaltsabschlüsse. In fast allen Branchen wurde in Höhe der Inflationsrate abgeschlossen. Aufgrund von hoher Krisenbetroffenheit einerseits und schwer einschätzbaren Entwicklungen andererseits war das schmerzvoll, aber oftmals vertretbar. In anderen europäischen Ländern kam der Abschuss von Kollektivverträgen zum Erliegen oder wurden – nicht selten sogar mehrjährige – Einmalzahlungen vereinbart, die keinerlei Nachhaltigkeit haben. Der Erhalt der Kaufkraft im Krisenjahr 2020 kann so in vielen Branchen als Erfolg für die Arbeitnehmer*innen gesehen werden.

2021 sind die Erwartungen aber andere. Schon in der Frühjahrsrunde konnten wieder Gehaltsabschlüsse mit deutlichen Zuwächsen durchgesetzt werden. Zu Recht. Teile der Wirtschaft hätten gerne mit staatlicher Unterstützung und niedrigen Gehaltsabschlüssen weiter gemacht. Das konnte durchbrochen werden.

An manchen Bereichen ist die Krise tatsächlich fast spurlos vorbeigezogen, andere haben sehr schnell nach dem Corona-bedingtem Einbruch wieder einen Aufschwung erfahren. Natürlich gibt es aber auch Branchen mit heterogener oder immer noch schwacher wirtschaftlicher Entwicklung.

Dazu kommt eine außergewöhnlich hohe Entwicklung der Inflation. Die Monatsinflation für Oktober hat zuletzt 3,7 % betragen. Bei Kollektivvertragsverhandlungen wird allerdings in der Regel die durchschnittliche Inflation der letzten 12 Monate den Abschlüssen zugrunde gelegt. So sollen Verzerrungseffekte durch starke Schwankungen nach oben, aber auch nach unten vermieden werden. Mittelfristig verlieren Arbeitnehmer*innen durch diese Herangehensweise nichts, allerdings entsteht bei kurzfristig stark steigender Inflation der Eindruck niedriger Abschlüsse und bei sinkender Inflation der Eindruck überproportional starker Abschlüsse.

Die Kollektivertragsrunde der Metallbereiche bildet traditionell den Auftakt und oftmals auch Taktgeber der Herbstrunde. Mit der Steigerung aller Löhne und Gehälter um 3,55 % konnte eines der besten Ergebnisse der letzten Jahre erreicht werden. Da die durchschnittliche Inflationsrate 1,9 % betragen hat, lag der Abschuss 1,65 % über der Inflation, was einen deutlichen Reallohnzuwachs bedeutet. Dieses Ergebnis konnte aber nur erreicht werden, weil die Metallbranche traditionell eine hohe Aktionsfähigkeit besitzt. Nach den gescheiterten Verhandlungsrunden sind unmittelbar und schnell Kampfmaßnahmen durch Gewerkschaften und Betriebsrät*innen gesetzt worden. Anfang November sind bereits die Beschäftigten mehrerer hundert Unternehmen in Warnstreiks getreten und haben mit Beschlüssen die Bereitschaft signalisiert auch in ausgedehnte Streiks einzutreten, wenn es keine Einigung gibt. Diese massive Streikdrohung hat zu einem späten Einlenken der Arbeitgeber*innen geführt und war Grund für den hohen Abschluss.

Etwas heterogener hat sich die Situation bei den 400 000 Handelsangestellten dargestellt. Während ein Teil der Branche gut durch die Krise gekommen ist, haben andere die wiederkehrenden Lockdowns wirtschaftlich zu spüren bekommen. Mit dem aktuellen neuerlichen Lockdown wurde die Verhandlungssituation nicht einfacher. Mit einem Gehaltszuwachs von 3,45 % bei den niedrigen Einkommen – das sind geschätzt rund ein Drittel der Handelsangestellten – ist ein Mindestgehalt von 1800.- Euro erreicht worden. Alle anderen Gehaltskategorien wurden um 2,55 % erhöht. Den Schwerpunkt der Erhöhung im Bereich der niederen Einkommen anzusetzen ist sozialpolitisch zielführend, zumal tatsächlich viele Handelsangestellte in diesem Gehaltssegment arbeiten.

Zahlreiche Kollektivvertragsabschlüsse stehen noch bis Weihnachten an. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass manche Arbeitgeber*in bei den Gehältern gerne im Krisenmodus bleiben würde, obwohl die Geschäftsentwicklung längst wieder Fahrt aufgenommen hat. Die ein oder andere Auseinandersetzung ist damit vorprogrammiert.

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