Schieflagen in der Gleichstellungspolitik, ganz was Neues?


Vera Koller, Arbeiterkammerrätin der AUGE/UG und Vorsitzende der Unabhängigen GewerkschafterInnen

Arbeitsminister Martin Kocher sieht einen Handlungsbedarf. In seinem Interview im Profil vom 14.03.2021 betont Kocher: „Die Pandemie hat generell in der Gleichstellungspolitik zu einer Schieflage geführt.“ Dieser Erkenntnis ist nicht zu widersprechen, allerdings muss sie weiter ausgeführt werden.

Betrachten wir die Gleichstellungspolitik in Österreich, dann war wohl schon vor der Pandemie keine Ausgeglichenheit zu sehen. Wie wir uns alle vorstellen können, führt das Draufsetzen einer Schieflage bei schon vorher nicht mehr geraden Flächen zum absoluten Kippen oder zum Absturz. So plastisch dargestellt, muss die Formulierung einer Schieflage fast als Provokation verstanden werden.

„Es liegt halt an den Branchen“ ist die gängige Erklärung, wenn für diese „Schieflage“ Erklärungen gesucht werden. „Solange Mädels nur Frisörinnen werden wollen, leider nichts zu machen.“ „Ja, möglicherweise würden Lohnerhöhungen in manchen Branchen etwas bringen, aber die Lohnverhandlungen sind Sache der Sozialpartner*innen, da kann sich die Politik nicht einmischen.“

Diese Argumente sind uns allen wohl bekannt und wir haben sie schon oft gehört. Daher, selbst wenn wir über die etwas unglückliche Formulierung der Schieflage hinwegsehen und uns über die grundsätzliche Erkenntnis des Arbeitsministers freuen, ist sie leider aus den falschen Schlüssen abgeleitet.

Die Bekämpfung von „Schieflagen“ in der Gleichstellungspolitik fängt woanders an: Solange es nicht gelingt unser System grundsätzlich zu hinterfragen, wird sich an den grundlegenden Problemen nichts ändern. Ja, die Teilzeitquote von Frauen ist zu hoch, aber Frauen arbeiten selten Teilzeit, weil sie an ihren Tagen noch etwas Zeit für sich wollen, sondern weil sich ihr Leben mit allen Verpflichtungen anders nicht organisieren lässt. Eine konservative Familienpolitik und die nach wie vor vielerorts herrschende konservative Einstellung der Gesellschaft zur Rolle der Frau leisten ihren Anteil, die volle Erwerbstätigkeit von Frauen unattraktiv, schwer zugänglich und gesellschaftlich wenig akzeptiert zu machen
Eine Änderung des Steuern- und Abgabensystem wird diesbezüglich kaum zu einer Veränderung des Teilzeitanteils führen. Eher ist zu befürchten, dass damit Frauen noch weniger für ihre Erwerbsarbeit erhalten und somit noch mehr von Altersarmut betroffen.

Auch Martin Kocher erkennt, es braucht mehr und bessere Kinderbetreuungsplätze und mehr Beteiligung der Väter. Kinderbetreuung muss flächendeckend gegeben sein und sich an den Bedürfnissen der Eltern orientieren. Arbeitsplätze müssen auch in männlich dominierten Branchen so gestalten sein, dass sie eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen.

Klassischen Frauenbranchen ist endlich der Wert zuzugestehen, den sie für die Gesellschaft immer schon hatten. Immer schon, nicht erst seit Ausbruch der Pandemie erhalten meistens Frauen das System aufrecht. Sei es in ihrer eigenen Familie oder in ihren Berufen. Diese Systemerhaltung ist zu honorieren, durch höhere Löhne (zumindest in der Höhe des durchschnittlichen Männergehaltes) und durch eine gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.

Es braucht eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei Lohn und Personalausgleich. Nur diese kann dazu beitragen die Teilzeitschere zu schließen. Auch die Verteuerung der Zuschläge bei Mehrarbeit wären ein richtiges Signal. Solange es für Arbeitgeber*innen günstiger ist, viele Teilzeitbeschäftigte zu haben um Krankenstände und Urlaube in der Belegschaft abzufedern, wird es kein Interesse an mehr Vollzeitbeschäftigten geben.

Bereits seit vielen Jahren ist die Arbeitszeitverkürzung eine wesentliche Forderung der AUGE/UG: https://auge.or.at/bund/service/programm/30-stunden-sind-genug/

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