türkis-grün: Schule und Bildung

eine Analyse von Renate und Timo Brunnbauer

Was steht nun im Bildungsprogramm? Und was nicht?

Auf 16 Seiten geht es um die Bereiche Elementarpädagogik, Volksschule, Mittelschule und Lehrplaninhalte. Interessant ist natürlich auch, was nicht im Bildungsprogramm der neuen Regierung steht. Wichtige Reformen wird es in der nächsten Legislaturperiode nämlich kaum geben, im APS (Allgemeinbildende Pflichtschulen) Bereich im Grunde gar keine. Absolut ungeklärt sind Finanzierungsvorhaben.

Wird die Elementarpädagogik aufgewertet?

Ja. Plan ist es, dass LeiterInnen der Kindergärten einen universitären Abschluss erlangen sollen über Bachelorstudien an den PHs (Pädagogischen Hochschulen). Die BAfEPs (Bildungsanstalten für Elementarpädagogik) bleiben allerdings in ihrer jetzigen Form erhalten. Zudem will sich der Bund stärker in den Ausbau der Kindergärten einmischen. Diese Punkte sind aber nicht wirklich neu: schon im Türkis-Blauen Regierungsprogramm 2017 waren sie so zu finden.

Mit den Grünen wird es sicher keine Fortführung der Deutschklassen geben, oder?

Doch, die bleiben bestehen. Allerdings soll es verstärkt zu schulautonomen Lösungen kommen. Wie diese aussehen, ist nicht genau ausgeführt. Die Deutschförderung soll auch für ordentliche SchülerInnen ausgebaut werden. Das ist an sich wünschenswert, nur: mit welchen finanziellen Mitteln und ob dies zu Lasten jetziger Kontingente der Schulen geht, bleibt unbeantwortet. Künftige LehramtsstudentInnen müssen in ihrem Studium eine DaZ-Ausbildung (Deutsch als Zweitsprache) machen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, die Deutschklassen als solche stehen seit ihrer Einführung in der Kritik (selbst bei FCG-VertreterInnen). Wir fordern schon lange: Die Deutschklassen müssen ersatzlos gestrichen werden!

Werden LehrerInnen künftig entlastet?

Vielleicht und eher nein. Es wird im Bildungsprogramm zwar von Supportpersonal gesprochen, doch ist nicht im Detail ausgeführt, was damit gemeint ist: SozialarbeiterInnen, PsychologInnen oder SekretärInnen? Wie viele und ab wann?

Sehr wohl gibt es eine Neuerung, die eine Mehrarbeit für die PädagogInnen bedeuten wird: eine „Mittlere Reife Prüfung“ soll in der 9. Schulstufe implementiert werden. Wird diese nicht bestanden, dürfen die Kinder die Schule nicht verlassen, sondern müssen ihre Ausbildungspflicht in den Schulen absolvieren. Es wurde im Regierungsprogramm allerdings darauf vergessen zu erwähnen, welche Institutionen dann mit diesen SchülerInnen die mittlere Reife erarbeiten sollen: bleiben diese Kinder dann bis zum 18. Lebensjahr in den vierten Klassen der MS oder in den Polytechnischen Schulen? Und bedeutet diese Lösung also die vor Kurzem eingeführte Ausbildungspflicht in der Umsetzung?

Wird die österreichische Schule digital?

Ja, ab der 5. Schulstufe gibt es Tablets oder Laptops für die Kinder. Allerdings müssen die Eltern (mit Unterstützung des Staates) da kräftig mitzahlen. Das wird Anbieter freuen, da spült es mächtig Geld in die Kassen von Apple und Co.

Noten in der Volksschule – das wurde sicher zurückgenommen?!?

Eine große Enttäuschung: Die Notenpflicht ab der 2. Klasse Volksschule bleibt. Es wird sogar der Druck auf die Kinder zunehmen. Denn über die Gymnasialreife der Kleinen werden künftig zusätzlich die Leistungen der 3. Klasse und eine individualisierte Kompetenzfeststellung in der 3. Schulstufe mitentscheidend sein.

Wird der Chancenindex der Arbeiterkammer kommen?

Nein. Eine sehr große Enttäuschung ist es, dass die schwierigen Standorte weiterhin im Regen stehen gelassen werden. Es soll zwar an 100 „Brennpunktschulen“ der Chancenindex der AK ausprobiert werden, doch das ist wohl viel zu wenig. In Österreich gibt es über 5000 Pflichtschulen! Und an 100 von ihnen wird evaluiert werden, ob es den Chancenindex braucht oder nicht. Da sehen wir von grüner Handschrift herzlich wenig.

Vorarlberg möchte Modellregion für die Gemeinsame Schule werden. Wann geht es jetzt los?

Eventuell nach 2024, denn im Regierungsprogramm wird von einer Gemeinsamen Schule an keiner Stelle gesprochen. Das segregierende Schulwesen wird festgeschrieben. Auch hier ist leider von grüner Handschrift nichts zu sehen. Interessant, denn im Ländle regiert ja eine schwarz-grüne Landesregierung, die gerne eine Modellregion installieren würde.

Welche Neuerungen sind noch in Sicht?

Ein Bonussystem für höhere Schulen, die Nachprüfungen in der letzten Ferienwoche durchführen wollen, ist im Gespräch. Die Schulausspeisung soll besser werden – mehr regional, mehr bio – und Schulneubauten sollen ökologisch auf dem neuesten Stand der Technik sein. Von der täglichen Turnstunde in Zusammenarbeit mit örtlichen Sportvereinen ist die Rede, diese Forderung gab es schon, doch derartige Kooperationen funktionierten oft nicht. Die duale Ausbildung soll verbessert und die Rolle der Polytechnischen Schule verändert, eventuell gestärkt werden. Allerdings werden auch die Berufsbildenden Mittleren Schulen gefördert, die ja ihre eigentliche Bedeutung als Weg neben der Lehre einen Beruf zu erlernen längst verloren haben.

Zusammengefasst: Was wird uns erwarten?

Eine Neuerung wird die Bildungspflicht und die damit verbundene Mittlere Reife darstellen. Statt weniger „Testeritis“ wird es dadurch mehr geben. Die Trennung der Kinder ab der 5. Schulstufe bleibt bestehen, wird nicht einmal mehr hinterfragt. Ebenso gibt es kein Bekenntnis zur Inklusion – immerhin ist der Ausbau der Sonderschulen kein Thema mehr.

Positiv: Von Time Out Klassen für schwierige SchülerInnen ist so nicht mehr die Rede. Vielmehr wird von standortbezogenen Lösungen bzw. auch Supportpersonal gesprochen – jedoch wieder ohne einen Ansatz einer zukünftigen Finanzierung derartiger Arbeitsplätze.

QuereinsteigerInnen soll es leichter gemacht werden, in den Schuldienst einzutreten. Verständlich, es steht ein massiver LehrerInnenmangel bevor.

Detaillierter geht es HIER zur Sache

 

Renate und Timo Brunnbauer sind Mitglieder der UGöD – Unabhängige GewerkschafterInnen in der GÖD.

Renate Brunnbauer unterrichtet seit 1991 an der HS, NMS, MS und ist Personalvertreterin auf Landesebene und Vertreterin der Österreichischen Lehrer/innen initiative (Öli-UG) in den entsprechenden Bundesgremien der GÖD (Bundesleitung APS, Bundeskonferenz, ARGE-LehrerInnen).

 

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